Doch noch Rock'n'Roll

Eric Clapton sorgt in Hamburg für magische Momente

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Hamburg - Von Frank Schümann. Kurz vor neun in der Hamburger Barclaycard-Arena, und es prickelt. Die ausverkaufte Halle ist bestuhlt, 11 000 Zuschauer warten auf „Mr. Slowhand“ Eric Clapton, den einzigen Musiker, der es schaffte, gleich dreimal in die Rock’n’Roll Hall of Fame aufgenommen zu werden – mit den Yardbirds, mit Cream und als Solokünstler.

Sein Publikum an diesem Abend ist heterogen – wie bei den Stones oder Bruce Springsteen gibt es die Rock'n'Roll-Urgestalten mit weißem Bart und langem, schütteren Haar, aber die Mehrheit stellt an diesem Abend ein überwiegend schickes, gesetzteres Klientel. Und auch junge Menschen sind reichlich vertreten, hip und nicht so hip, man sieht junge Paare mit ihren Eltern – und reichlich Smartphones.

Den Meister schert das alles nicht. Drei Minuten vor neun betritt er in dunklem Hemd und Jeans die Bühne – geradezu dezent, was das Publikum nicht daran hindert, reihenweise aufzustehen. Standing Ovations schon vor dem ersten Ton. Clapton beginnt das zweite Konzert seiner nur vier Städte umfassenden Sommer-Tournee – Köln, Hamburg, London, New York – wie tags zuvor in Köln mit drei Bluesrock-Nummern: „Somebody’s Knockin’“, einem Song seines verstorbenen Freundes J. J. Cale vom letzten Clapton-Album „I Still Do“, „Key To The Highway“ und Willie Dixons „I’m Your Hoochie Coochie Man“. Clapton, der vom „Rolling Stone“-Magazin zum zweitbesten Gitarristen aller Zeiten gekürt wurde (hinter Jimi Hendrix), bewegt sich in dieser Phase kaum, verzichtet auch das gesamte Konzert über auf Anprachen. Seiner Präsenz tut das keinen Abbruch. Stimmlich ist Clapton auch mit 73 Jahren auf der Höhe, und sein Gitarrenspiel ist ohnehin über alle Zweifel erhaben – schön zu sehen übrigens auf zwei großen Leinwänden neben der Bühne, die das Saitenspiel des Maestros immer wieder in Großaufnahme zeigen.

Reagiert das Publikum bei den ersten Stücken noch verhalten, ändert sich das mit bei Bob Marleys „I Shot The Sheriff“, das im Reggae-Stil beginnt, um als straighte Rock-Nummer zu enden – mit einem fulminanten Solo schafft der Gitarrist einen ersten großen Höhepunkt des Abends, den ersten magischen Moment, der nach Verlängerung schreit und sie auch bekommt: Aus „I Shot The Sheriff“ wird fast übergangslos „White Room“ von Cream, der auch von Claptons neuer Band äußerst kraftvoll zum Besten gegeben wird. Spätestens mit diesen beiden Songs hat Clapton sein Publikum im Griff, die Sektglas-Stimmung weicht in diesem Moment endgültig einem Rock’n’Roll-Konzert.

Clapton wirkt hoch konzentriert

Das liegt natürlich auch an den ausgezeichneten Musikern, die wie immer bei Clapton eine All-Star-Band bilden: Keyboarder Chris Stainton spielte schon mit Joe Cocker in Woodstock, Paul Carrack an der Orgel ist bekannt durch sein Mitwirken bei Squeeze oder Roxy Music und seinen Solo-Hit „Don’t Shed A Tear“. Bassist Nathan East hat seit den 80er-Jahren live und im Studio unzähligen Songs von Barry White über Mark Knopfler bis hin zu Daft Punk seinen Stempel aufgedrückt. Als zweiter Gitarrist agiert in Hamburg nicht wie zuletzt Andy Fairweather Low, sondern Doyle Bramhall, der selbst ebenfalls als Songwriter unterwegs ist und Claptons Songs mit seinen härteren Anschlägen gut zu Gesicht steht. Komplettiert wird die Besetzung durch den Drummer Sonny Emory und die Background-Sängerinnen Sharon White und Charlotte Gibson. Austoben dürfen sich in der Barclaycard-Arena alle reichlich – gerade die Duelle zwischen Stainton und Carrack zählen zu den Höhepunkten der Show.

Der Maestro selbst schaltet nach dem oben beschriebenen ersten Höhepunkt erst einmal einen Gang runter – und lädt zum nicht minder eindrucksvollen Akustik-Set, bestehend aus „Driftin’ Blues“, dem schwungvollen „Nobody Knows You When Yor’re Down And Out“, „Layla“ und „Tears in Heaven“ – gerade die letzten beiden Tracks werden auch in Hamburg stark gefeiert, wenngleich sich der eine oder andere wünschen würde, „Layla“ mal wieder in einer Rock-Version präsentiert zu bekommen, und „Tears in Heaven“, Claptons herzzerreißende Ballade über seinen verstorbenen Sohn, etwas süßlich daher kommt.

Gerade im Akustikteil wird indes augenfällig, dass Clapton nicht mehr der agilste ist. Seine gesundheitlichen Probleme waren zuletzt publik geworden: Rückenschmerzen, Tinnitus und eine starke Bronchitis, die sogar zu Konzertabsagen führte, hatten für Sorgenfalten in der riesigen Fangemeinde gesorgt. Clapton tut nur das Nötigste, wirkt aber hoch konzentriert. Seiner Fingerfertigkeit tun die Probleme – zumindest allem Anschein nach – keinen Abbruch.

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Letzteres gilt besonders für „Got To Get Better In A Little While“, einem Song aus seiner Zeit mit „Derek and the Dominos“ – immer weiter treiben sich Clapton und die Band, jagen sich von einem Solo ins nächste. Leider leitet dieser, der zehnte Song schon das Ende des Abends ein: Es folgen „Wonderful Tonight“, „Crossroads“, „Little Queen of Spades“ mit einem weiteren fulminanten Solo und schließlich Claptons vielleicht größter Hit, auch wenn J. J. Cale den Song geschrieben hat: „Cocaine“. Hier löst sich die Sitzordnung endgültig auf, rennen die Menschen nach vorne – von den Ordnern ungehindert. Also doch noch Rock’n’Roll, der im Übrigen mit der Zugabe „High Time We Went“, die Paul Carrack singen darf, noch fortgesetzt wird.

Unterm Strich ein schöner Konzert-Abend mit der erwartbaren Mischung aus Hits und Blues – mit wenigen Überraschungen in Form neuer Arrangements oder „Ausgrabungen“, aber einer nach wie vor herausragenden musikalischen Qualität.

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