Heinrich Schiff und die Deutsche Kammerphilharmonie entdecken den jungen Schubert

Doch kein „Noch nicht“

Bremen - Von Ute Schalz-LaurenzeMit dem Cellisten Heinrich Schiff verbindet die Deutsche Kammerphilharmonie nun schon eine über zehnjährige künstlerische Zusammenarbeit und Freundschaft – mit unvergesslichen Wiedergaben, die zum Teil auch in Bremen zu hören waren.

Dieses Klima prägte denn auch das letzte Konzert des Orchesters mit Werken von Franz Schubert – dem Komponisten, dem Schiff auch als Dirigent seit über 25 Jahren mehr als nahesteht. Das Programm war bestens geeignet, die Ohren neu zu putzen für den Komponisten, der in Wien lebenslang unter der Diktatur litt ebenso wie unter der erfolgreichen Existenz des 27 Jahre älteren Ludwig van Beethoven und der lebenslang keine öffentliche Aufführung hatte.

Erst langsam geraten die frühen Sinfonien des 16- bis 18-jährigen Schubert ins Bewusstsein des Publikums, lange wurden die ersten fünf als Auseinandersetzung mit Haydn und Mozart abgetan. Wie sehr das einerseits rein historisch natürlich stimmt, andererseits überhaupt nicht, machte die Wiedergabe der zweiten Sinfonie klar: Schiff und das Orchester bauten auf Stimmungen, Harmonien, präzisen Gesten und vor allem weiten, ja unendlichen Räumen auf.

Besonders schön, wie das Presto sozusagen aus dem akustischen Nichts hervorschießt. Da war nichts zu finden, was das Werk des 18-jährigen als ein „Noch nicht“ ausweist. Im Gegenteil: mit großer Leidenschaft wurde die Eigenständigkeit herausgearbeitet und betont. Und man kann schon viel davon hören, was die große C-Dur-Sinfonie von 1824/25 auszeichnet: die „himmlischen Längen“ (Robert Schumann), die Schubert mit immer wieder neuen Perspektiven beleuchtet – eben so ganz anders als Beethoven.

Der Begriff „Landschaft“ ist in der Schubertliteratur aufgekommen und keiner trifft besser. Wie Schiff uns in diese Landschaft unwiderstehlich hineinzog, in einen riesigen Bogen mit geradezu besessener Detailgenauigkeit – da wurde nichts überspielt –, das ist besser und eigentlich auch anders gar nicht vorstellbar. Herrlich die „Wander“-Chiffre im langsamen Satz mit seiner „katastrophischen“ Generalpause nach einer Mahlerschen, schreienden Dissonanz, die berstende Wut im Menuett und das verzweifelte Drängen im letzten Satz mit seinen „Komturschlägen“ als Ausdruck größten Schmerzes. Gustav Mahler ist nicht mehr weit und das machte diese beglückende Wiedergabe unmissverständlich klar.

Der Geiger Franz Schubert hat leider keine Musik für Violine und Orchester hinterlassen, bis auf das als 16-Jähriger geschiebene Rondo in A-Dur, das hier bestens aufgehoben war bei Florian Donderer. Donderer, einer der Konzertmeister des Orchesters, verfügt über einen glasklaren, kristallinen Ton, mit dem er das volkstümliche Rondothema beredt ausstattete. Wunderschön organisch entfaltet sich die Virtuosität, um immer wieder zu diesem Thema zurückzuführen, mit dem Schubert zeigte, dass er lebenslang keinen Unterschied machte zwischen populärer und Kunstmusik. Zu Recht für Donderer, das Orchester und Schiff Ovationen.

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