Die Diva, die da war

Streitgespräch: Anna Netrebko und Yusif Eyvazov beim Musikfest Bremen

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Schüttel deine Rose für mich – Anna Netrebko und Yusif Eyvazov in der Glocke.

Bremen - Die Spannung war groß: Würde sie wirklich kommen? Schließlich hatte Sie vor Kurzem zwei Auftritte abgesagt. Sie, das ist keine Geringere als die Sopranistin Anna Netrebko. Sonst tritt sie eher an der Met in New York oder bei den Salzburger Festspielen auf. Oder in der Elbphilharmonie. Ein Weltstar eben.

Nun war sie für ein paar Tage an der Weser und gab per Instagram auch über ihr Touristenprogramm Auskunft. Bürgerpark, Schnoor und die Stadtmusikanten. Sie kennen das. Aber es hat ja einen Grund, warum die Karten für das Konzert in der Glocke, das sie mit ihrem Kollegen und Gatten Yusif Eyvazov am Dienstagabend gab, im Nu ausverkauft waren. Die Netrebko ist ja nicht einfach nur prominent. Sie ist ein „Phänomen“ (Süddeutsche), eine Diva ohne Frage. Eine Frage ist allerdings: Ist das auch abendfüllend?

Bannasch: Sicher, schließlich kommt eine Sängerin dieser Güteklasse so gut wie nie in die Stadt. Und wir sollten auch nicht immer nur von ihr sprechen. Yusif Eyvazov allein hätte schon ein abendfüllendes Programm gerechtfertigt – wenn auch vielleicht nicht für 195 Euro. Nicht zu vergessen die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen unter der Leitung von Jader Bignamini.

Stein: Ja, sicher, aber dass hier über fast jeden Zweifel erhabene Musiker auf der Bühne stehen, bedeutet nicht gleich, dass auch das Programm über jeden Zweifel erhaben ist. Mir ist bei der Sichtung des Programms völlig unklar geblieben, ob es hier mehr als einen bunten Strauß Opernmelodien zu hören gibt, eine Art Best of. So eine Arie ist doch immer auch Teil von etwas Größerem, treibt eine Geschichte voran.

Bannasch: Angekündigt war nun aber eine Operngala.

Stein: Was also bedeutet, dass es sich um ein Greatest-Hits-Potpourri für Leute mit Geld handelt?

Bannasch: Ja, aber eine Operngala kann die Oper für Menschen interessant machen, die von Haus aus keinen Zugang dazu haben.

Stein: Dazu trägt die Präsentation allerdings nicht bei: Nach jeder „Nummer“ wird geklatscht, die Sänger gehen ab, treten auf, dann wieder sitzt nur das Orchester oben, weil auch der Dirigent weg ist. Dass da mal ein Opernsänger gegen die Tür läuft, würde mich nicht wundern. Das ist doch eine ganz absurde, verstaubte Form, die mit Oper eigentlich kaum noch etwas zu tun hat. Oper ist doch ein Gesamtkunstwerk aus Musik, Wort, Spiel und Bild.

Bannasch: Aber darauf kommt es bei einer Operngala eben nicht an, zumal es auch ausreichend Operninszenierungen gibt, die unerträglich verstaubt sind. Die Präsentation spielt hier eher eine untergeordnete Rolle. Es kommt auf die Stimmen an. Auf die Konzentration auf die Musik, die enorme Vertrautheit zwischen Eyvazov und Netrebko, die sich ein Programm auf den Leib geschneidert haben. Das erlaubt ihnen, das Beste aus ihren Stimmen herauszuholen.

Stein: Profis auf diesem Niveau sollten allerdings auch ohne Eheschließung in der Lage sein, große Emotionen auszudrücken. Vor allem, wenn sie diese Arien seit Jahren singen. Interessant finde ich, dass das im Prinzip überall auf der Welt funktioniert, egal welches Orchester die beiden begleitet.

Bannasch: Ja, und?

Stein: Lebt eine musikalische Darbietung nicht vom Augenblick? Von spontanen Interaktionen? Man muss annehmen, dass es nicht einmal einem unmittelbaren Impuls geschuldet war, als Eyvazov seinen Blumenstrauß in die erste Reihe geworfen hat.

Bannasch: Sie hat ihren immerhin behalten – das hat sie neulich in Berlin nicht gemacht! Aber wir können ja auch mal über die musikalische Leistung reden. Besonders beeindruckt hat mich Dirigent Jader Bignamini, zweieinhalb Stunden Dirigat ohne Partitur – Respekt. Und soweit ich das von meinem Platz aus sehen konnte, hätte er auch selbst singen können. Textsicher war er. Yusif Eyvazov war wohl nicht nur für mich die Überraschung des Abends. Er sagt zwar von sich, er wisse nicht, wo er als Sänger heute wäre, hätte er Netrebko nicht getroffen. Man darf aber annehmen, dass er – zumindest nach dem, was wir in der Glocke gehört haben – auch allein seinen Weg auf die großen Bühnen gegangen wäre.

Stein: Er durfte „Nessun Dorma“ singen, das ist ein Elfmeter. Aber das gehört wohl zu so einem Abend – wie die zweite Zugabe, „O sole mio“. Da wirkten beide geradezu authentisch, wenigstens bis Netrebko mit einer Rose zwischen den Zähnen und kessem Hüftschwung mit dem Konzertmeister flirtete.

Bannasch: Ich bitte Sie, seien Sie nicht kleinlich. Es ist eine Show! Da erwarte ich Emotionen, auch wenn sie nicht besonders gut gespielt sind. Auf der Divenklaviatur hat Netrebko alles gegeben: Kleiderwechsel, majestätisches Winken, ein Walzer mit dem Gatten, huldvolle Kusshände für das Publikum. Das durfte man erhoffen, und das bekam man. Und eine große Stimme sowieso.

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