„Direkter geht‘s kaum“

Interview: Tanja Tetzlaff und Florian Donderer zu Kammermusik im Sendesaal

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Seit zehn Jahren bringen Tanja Tetzlaff und Florian Donderer Kammermusik in den Sendesaal.

Bremen - Von Ute Schalz-Laurenze. Mehr als zehn Jahre ist es her, dass der vom Abriss bedrohte Sendesaal Bremen durch einen beispiellosen Einsatz gerettet wurde – unter anderem durch den unermüdlichen Einsatz von Peter Schulze, Leiter von „Jazz Berlin“ und „Jazz ahead Bremen“. Der Saal hat eine derart gute Akustik, dass Musiker in aller Welt von ihm schwärmen. Er wird vermietet, der Verein hat aber auch den Ehrgeiz, eigene Programme anzubieten. So wollte Schulze eine Idee realisieren, die die Bremer Musiker Tanja Tetzlaff und Florian Donderer an ihn heran getragen hatten: eine Kammermusikreihe zu kuratieren. Die ehemalige Solocellistin und der Konzertmeister der Deutschen Kammerphilharmonie feiern heute Abend das zehnjährige Jubiläum mit einem besonderen „Residenzkonzert“. Wir haben mit den beiden über das Geheimnis ihres Erfolgs gesprochen.

Frau Tetzlaff, Herr Donderer, erzählen Sie etwas über die Reihe „Residenz at Sendesaal“ und ihre Realisierung.

Florian Donderer: Zunächst einmal gestalteten wir ein Benefizkonzert, nachdem die Abrissgefahr gebannt und der Sendesaal gerettet war.

Tanja Tetzlaff: Dann hat Peter Schulze unsere Idee unterstützt, eine Kammermusikreihe zu kuratieren. Wir bekamen sensationelle Bedingungen: Wir sind vollkommen frei in der Wahl des Repertoires und in der Wahl der Musiker.

Sie machen also Konzerte mit Musik von Freunden für Freunde. Können Sie ein bisschen genauer sagen, was dies bedeutet?

Donderer: Es ist tatsächlich so, wir sind mit allen Musikern, die in unserer Reihe spielen, freundschaftlich verbunden. Dadurch ist es uns auch möglich, ein so erlesenes Programm zu bieten. Aber nicht nur internationale Gäste spielen in der Reihe. Regelmäßig veranstalten wir unser „Bremer“ Konzert gemeinsam mit Bremer Musikern, die schon seit dem Benefizkonzert dabei sind: Annette Stoodt, Barbara Linke-Holicka, Hozumi Murata und Benjamin Stiehl spielen fast immer, um nur einige zu nennen. Das Publikum kennt die Qualität unserer Konzerte und hat absolutes Vertrauen, dass wir interessante Programme mit hervorragenden Musikern anbieten.

Tetzlaff: Was wir da machen, bedeutet für uns Heimat. Wir sind sonst das ganze Jahr hindurch mit unserer Musik unterwegs – im Sendesaal und mit unseren Programmen fühlen wir uns absolut zuhause, treffen Freunde im Publikum und auf der Bühne und feiern danach gemeinsam.

Wie funktioniert denn die Finanzierung? Der Saal kostet Miete, Sie haben Einnahmen, gibt es Sponsoren?

Tetzlaff: Für Musiker sind Produktionen von CDs essenziell. Finanziell sind solche Produktionen für alle Beteiligten, auch die Labels, schwierig zu realisieren. Hier treffen sich viele Bedürfnisse: Wir freuen uns über die Konzerte, die Musiker freuen sich über die Produktionsbedingungen und den Saal, das Label über die schöne CD, die sowohl die Studioproduktion als auch den Konzertmitschnitt als Grundlage hat. Und so wird jedes Konzert, jede Produktion finanziell gemeinsam geschultert.

Donderer: Ohne finanzielle Unterstützung geht es aber natürlich nicht. Im Publikum unseres Benefizkonzertes vor zehn Jahren saß auch die große Bremer Mäzenin, Annelotte Koch, die uns damals spontan ihre Unterstützung versprach. Seither ist die Heinz-Peter-und-Annelotte-Koch-Stiftung unterstützend an unserer Seite.

Tetzlaff: Rein organisatorisch sind es Veranstaltungen des Sendesaals. Aber es ist ein Paradies für Künstler, eine Spielwiese für die Kammermusik. Die Finanzen spielen eine untergeordnete Rolle, die meisten Musiker schlafen dann auch in unserem Haus. Es geht eben nicht, wie sonst im Konzertbetrieb, um die Marktseite der Musikwelt.

Wenn ich mir diese Voraussetzungen ansehe, muss ein solches Konzept dann nicht auch andere Probensituationen und Bedingungen zur Folge haben?

Tetzlaff: Klar, das wird jedes Mal anders. Wir arbeiten, wenn wir wollen bis spät in die Nacht. Wir müssen keinerlei Tarifvorschriften beachten. Wir machen Konzerte nach CD-Aufnahmen oder umgekehrt, es gibt da gar keine Regel.

Donderer: Und wenn wir dann fertig sind, gehen wir schön essen. Musiker wie Sharon Kam oder Lars Vogt, auch mein Schwager Christian Tetzlaff können überall in der Welt spielen, sie entscheiden sich aber oft für uns. Und manches Mal ergibt sich die Möglichkeit der Synergie. Zum Beispiel haben wir hier ein Programm mit dem „Quatuor pour la fin du temps“ von Olivier Messiaen vor der Aufführung bei den Schwetziger Festspielen, bei denen Tanja „Artist in Residence“ war, aufgeführt.

Sie spielen im Orchester, sind gefragte Solisten, unterrichten. Was bedeutet die Kammermusik für Sie?

Terzlaff: Kammermusik ist für uns eine Herzensangelegenheit. Man kann ganz intim arbeiten mit einem fantastischen und unendlich abwechslungsreichen Repertoire.

Donderer: Direkter, ungezwungener und persönlicher geht‘s kaum.

Terzlaff: Ich denke, genau das ist auch für das Publikum das anrührendste. Viele sind sichtbar mitgenommen. „Dieses Konzert hat mich verändert“, habe ich oft gehört – und das ist das wichtigste in meinem Beruf.

Verraten Sie uns etwas über das Programm heute Abend?

Donderer: Wir werden das Konzert moderieren, haben alle Musiker der vergangenen zehn Jahre eingeladen und viele kommen. Und dann gestalten wir nach dem Lustprinzip und gönnen uns eine musikalische Party. Aber dies können wir verraten: In unterschiedlichen Formationen gibt es Höhepunkte von Bach über Mozart, Brahms, Schostakowitsch bis hin zur Moderne, und Raritäten – abgerundet mit etwas leichter Muse als Übergang zum Feier-Abend.

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