Das Maß und die Dinge

Katharina Schmitt und das Prager Studio Hrdinu zeigen „Das Fest und die Gäste“

Die Zuschauer folgen Gastgeber und Gästen. - Foto: Schwankhalle
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Die Zuschauer folgen Gastgeber und Gästen.

Bremen - Von Tim Schomacker. Am Ende sitzen die Zuschauenden an einem großen, dunkelweiß betuchten Bankettgeviert und starren auf eine Knarre. Die Knarre ist mittig aufgepflanzt auf einem Baumstamm, der Schaft lagert auf einem Bett aus Tannenzapfen. Der Lauf zielt auf die Gäste einer abstrusen Geburtstagsfeier. Auch wenn kein Mensch in der Nähe des Abzugs ist, könnte das Ding losgehen. Einen viel zu kurzen Moment lang lässt uns der Abend allein mit dieser Ikone diverser Gewaltverhältnisse mindestens des 20. Jahrhunderts. Zu kurz um diese Ikonographie richtig ins Schwimmen zu bringen – und uns in eine Beziehung zu setzen zu diesem Ding.

Mit diesem gleichwohl prägnanten Bild endet ein aus Prag nach Bremen geladener Theaterabend im Rahmen des Literaturfestivals „globale˚“. Ein Festival für grenzüberschreitende Literatur. Die Grenzüberschreitung ist ein Leitmotiv dieses ob seiner Kargheit und projektionsflächigen Abstraktheit programmatisch durchaus passenden Theaterabends in der Schwankhalle. Grenzüberschreitung in einem viel unmittelbareren Sinn als Länder- oder Sprachgrenzen. Der in Bremen gebürtigen Regisseurin und Dramatikerin Katharina Schmitt gelingt es gemeinsam mit dem Ensemble des Prager Studio Hrdinu den tschechischen Nouvelle-Vague-Klassiker „Das Fest und die Gäste“ (1966) des Filmemachers Jan Nemec in die Gegenwart zu verlängern.

Wir folgen exakt dem, was der Titel verrät: einem Fest und seinen Gästen. Den Gastgebern folgen wir auch. Wie es sich für eine amtliche Parabel gehört, werden Hintergründe nicht verraten. Setzung folgt auf Setzung. Und bereits dieses dramaturgische „Es ist so!“ enthält den deutlichen Hinweis, dass es hier um gewaltsame Verhältnisse geht. Zunächst sitzt eine Handvoll Gäste im Foyer auf einer Picknickdecke. Äpfel werden geschält und geteilt, Alkohol wird ausgeschenkt, erste Lobgesänge auf die Gastgeberin werden – im Dichterwettstreit – hergesagt. Erinnerungen werden ausgetauscht. Das Fest ist es, auf das sich alles bezieht. Es ist, gewiss alles andere als zufällig, der totale Rahmen. Abstraktheit ist für Schmitt strukturelle Konkretheit. Das Gegebene – Brechts Schlager von den Verhältnissen, die so und eben nicht anders, mischt sich hier mit den pointiert außen-losen Welten von Kafka – gibt vor. Im zweiten Raum treten die Gäste gewissermaßen vor den Gesetzgeber oder besser: -ausführer. Prüfungs-, Rechtfertigungs- und Drucksituationen erzeugen Haltungen in den Gästen. Sie werden, sehr hübsch mit einer Fußballplatzmarkierungsmaschine kalkweiß auf den schwarzen Holzboden gerattert, eingekästelt. Wer traut sich, die nur symbolische aber mit militanter Strenge behauptete „Mauer“ zu überqueren? Wer verweigert sich dem Spiel? Wer schickt wen anders vor? Wer ergibt sich? Wer akzeptiert jeden Quatsch, nur weil er zur gottgleichen FestInstanz gehört? Wer schließlich akzeptiert die Entschuldigungen der Gastgeberin, der gestern erst adoptierte Sohn habe eines seiner Spiele schlicht übertrieben?

Mit dieser Entschuldigung geht’s weiter in den abschließenden Raum. Bankettgeviert, Knarre. Es ist just die Supersimpel-Anordnung, die das Menschlich-Allzumenschliche im Systemisch-Allzusystemischen hervorkehrt. Dem knappen Dutzend Akteure des Studio Hrdinu gelingt es über eine bemerkenswerte körperliche Präsenz (weit mehr als über die Intonation des Floskeln und Versatzstücke durchknüppelnden Sprechtext; tschechisch mit deutscher Übertitelung) gerade in der Typisierung der Figuren das Haltegeflecht einer totalen Struktur herauszuarbeiten. Dankenswerterweise in einer großen Offenheit was Schauplätze und Epochen betrifft. So bleibt dieses „Fest“ nicht an der realsozialistischen Tschechoslowakei der mittleren 60er-Jahre kleben, sondern lässt sich ebenso auf gegenwärtige autokratisch-demokratische Neu-Bürgerlichkeit hin lesen wie auf eine real existierende globale Marktwirtschaft. Zum Glück ist dieses „Fest“ nicht nur ein anschaulicher, sondern auch ein anschauenswerter Theaterabend, in dem gerade die kleinen Dinge das ästhetische Maß bleiben. Wie viel Gewalt kann ein durch den Raum kullernder Apfel erzählen? Wie viel biografische Verwerfung liegt in der Hand, die die trunkene Ehefrau wieder auf den Stuhl runterzerrt, bevor ihr Sprechen die – eigene! – Lage erschwert? Eine Menge. Geschickte Beigabe für der „globale˚“ Erkundungen zu grenzüberschreitender Gegenwartsliteratur.

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