Leonard Cohen, ganz ohne Schmerz: Liederabend am Theater Bremen

Ding, Ding

Schwarz, schwarz, schwarz sind alle ihre Kleider: der Geheimbund am Theater Bremen bei der Arbeit. ·
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Schwarz, schwarz, schwarz sind alle ihre Kleider: der Geheimbund am Theater Bremen bei der Arbeit. ·

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Ein Liederabend mit Musik von Leonard Cohen. Das ist eine gute Idee in diesen Tagen: in einer Zeit, die uns nach der erfolgreich bewältigten Krise zwar raus aus der Depression, dafür aber auch wieder rein in die Dekadenz zu führen scheint.

Da wirkt Cohen mit seiner bittersanften Lyrik wie ein Gegenmittel, wie eine Erinnerung daran, dass jeder Glückseligkeit immer auch ein Vorbote des Niedergangs innewohnt.

Fragt sich nur, wie man so was auf die Bühne bringen kann. Denn so richtig weh tut dieser süße Schmerz eigentlich nur mit der dazugehörigen Stimme: mit diesem bluesig rauen Klang, mit dieser sanften Melancholie.

Es gibt zwei Möglichkeiten, diesem Dilemma zu begegnen. Die erste wäre, Cohen zu kopieren: ein gewagtes Ding. Die zweite wäre, etwas ganz anderes draus zu machen: nicht leicht, aber möglich. Am Theater Bremen nimmt sich Regisseur Felix Rothenhäusler 90 Minuten Zeit, den richtigen Weg zu finden. Er entscheidet sich schließlich für Weg Nummer drei: Nennen wir ihn „Schauspieler-Karaoke“.

Das Unglück nimmt seinen Lauf, als nach und nach zehn Gestalten in schwarzen Kapuzenmänteln auf die schummrig beleuchtete Bühne schleichen. Eine von ihnen (Johannes Kühn) raunt an der Rampe in demonstrativer Publikums-, mithin Weltabgewandtheit Cohens „Waiting for the miracle“ ins Mikrofon. Andere geben im fahl beleuchteten Seitenbereich den Chor. Rechts einer mit Gitarre, sein rechter Fuß lässig auf einer Box. Ein weiterer hinten am Schlagzeug. Alle schweigsam und finster, die Kapuzen tief im Gesicht.

Ein geheimbündlerischer Wind soll da über die Bühne wehen, irgendwas zwischen „Eyes Wide Shut“ und den „Gregorians“. Doch was sich unter den Mützen erahnen lässt, mag sich so gar nicht zum Erschauern eignen. Denn statt mafiöser Dunkelmänner erkennen wir da bloß brave Stadttheater-Schauspieler. Den Herrn Gallmann zum Beispiel und die Frau Kleinschmidt, Herrn Maschek und Frau Guth: irgendwie niedlich in ihrer Maskerade. Oder vielmehr: lächerlich.

Und als hätte diese Truppe selbst erkannt, dass Cohens Musik mit solch karnevalesker Heimlichkeit nicht wirklich beizukommen ist, schickt sie sogleich Lisa Guth und Karin Enzler vor, um mit Cohens Song „Memories“ Gesicht zu zeigen. Derweil lüpfen die männlichen Kollegen kokett grinsend ihre Kapuzenmäntel: „Won‘t you let me see your naked body?“ Nein, so möchte man Cohen auch nicht verstanden wissen.

„Immer voller Schmerz, immer voller Hoffnung“ seien seine Lieder, heißt es zutreffend auf dem Programmzettel. Doch wo bleibt dieser Schmerz, wenn ein gut gelaunter Guido Gallmann mit der Aufgeräumtheit eines Maître de Plaisir „Dance me to the end of love“ trällert? Oder wenn bei „I‘m Your Man“ – diesem durch Eigenlob getarnten Flehen um Liebe – jeder mal sein lustiges Sprüchlein ins Mikro kalauern darf? Da hilft es wenig, dass auf der rückwärtigen Leinwand in nervtötender Aufdringlichkeit bedeutungsverheißende Phrasen („Kennen wir uns?“, „Kannst du mich das Fühlen lehren?“) aufblinken.

Dem Einfall, Cohen mit seinem Gedicht „The great Event“ beim Wort zu nehmen und die Mondscheinsonate tatsächlich rückwärts zu spielen, ließe sich ja noch etwas abgewinnen. Im Rahmen einer Nummernrevue allerdings verkommt auch das zu einem bloßen Gag – auf den überdies bereits die Beatles mit „Because“ Patent angemeldet haben.

Am Ende erscheint von ausgemachter Lustigkeit, dass bei der Zugabe „Hallelujah“ die Vers-Endung „do you?“ zwecks Reim auf „do jah?“ umgebogen wird. Und dass in den Bassstimmen ein betont spaßiges „Ding, Ding“ erklingt. Lieder von Leonard Cohen auf der Theaterbühne: doch nicht so gut, diese Idee.

Nächste Vorstellungen: heute um 20 Uhr, am 27. Oktober um 18.30 Uhr sowie am 8. und 13. November, jeweils um 20 Uhr im Theater Bremen.

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