„Memopolis“ im Ruß-Haus:

Vor dem digitalen Gericht

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Der estnische Künstler Timo Toots macht das Szenario des digital durchleuchteten Bürgers bildhaft greifbar. ·

Oldenburg - Von Rainer Beßling. Die Installation kommt mit Retro-Charme daher und erinnert an historische Science-Fiction-Visionen. Dennoch: Was Timo Toots mit „Memopolis“ bildhaft macht, kommt der Wirklichkeit bedrückend nahe.

In einer Lobby stimmt sich der Besucher des Oldenburger Edith-Ruß-Hauses auf seinen Eintritt in die Datengesellschaft ein. Den folgenden Raum betritt er alleine. Um Mitglied der Community zu werden, gibt er seinen Personalausweis oder Reisepass in einen Scanner ein, der Name, Geschlecht, Geburtsdatum, Lichtbild und Nationalität erfasst, speichert und in verschiedene Installationen und Systeme einspeist. Die visuellen Eindrücke in dem abgedunkelten Raum sind monumental. Sobald die persönlichen Daten am Scannerpult erfasst sind, erscheinen sie in Text und Bild auf einer riesigen Monitorwand. Doch nicht nur das. Verschiedene Diagramme bilden eine erste Auswertung der Daten ab: Popularität, soziale Vernetzung, Finanzstatus.

Wer nicht bereit ist, seine eigene Identifikationskarte einzugeben, kann eine Demonstration starten. Das Design der Apparatur namens „Memopol-2“ und ein dramatisierender Soundtrack deuten an, dass es sich hier nicht um ein reales Instrumentarium der Datenerfassung und -interpretation handelt. Was die Bildwand ausweist, sind Projektionen aus dem Rückraum. Auch wenn der deutsche Perso (noch) wenige personenbezogene Daten hergibt, durch die Verlinkung von Basisdaten mit dem Internet fügt sich bereits eine respektable Datenmenge zu einem Persönlichkeitsbild zusammen. Jeder Klick liefert schließlich den Baustein für ein User- und Konsumentenprofil, den Anbietern eröffnet sich so die Möglichkeit zu immer effizienteren werbenden Ansprachen. Zu den netzweit abgreifbaren Daten lagert Timo Toots noch fiktive Erkenntnisse und Rankings an.

Für den estnischen Künstler ist der digital durchleuchtete Mensch bereits viel weniger Science-Fiction und schon weitgehend Wirklichkeit. Seine Heimat Estland bekennt sich zur „E-Culture“ und erhofft sich von der Transparenz auch positive politische, ökonomische und soziale Aspekte. Dass andere Staaten, in denen die Debatte um Datenschutz und Persönlichkeitsrechte noch heftig tobt, interessiert auf das baltische Land schauen, ist nachvollziehbar. Die Brisanz des Themas erklärt auch, warum Timo Toots jüngst bei einer Präsentation in Österreich auf überwältigende Resonanz stieß. Für „Memopol-2“ wurde Toots auf der Ars Eletronica in Linz mit der Goldenen Nica, der vielleicht renommiertesten Medienkunstauszeichnung, geehrt.

Ist der Eingangsraum im Oldenburger Ruß-Haus passiert, trifft das Publikum auf vier weitere Stationen. Im „Market“ weisen Schrift- und Zahlenbänder, die der Darstellung von Aktienkursen nachempfunden sind, das ökonomische Potenzial der erfassten Personen aus. Ähnlich wie in der Auswertung des Konsumverhaltens im Internet, werden quantitative Rankings sowie Aufwärts- und Abwärtsbewegungen ausgewiesen.

Der Fluch der Objektivität

Im Bereich Biometer geht es nicht nur um die Erfassung körperlicher Eigenschaften als Element der Sicherheitstechnik. Toots dreht die Schraube weiter. Er listet Krankheiten auf und korreliert sie mit genetischen Eigenschaften der eingangs identifizierten Personen. Das ist natürlich Fake und Fiktion. In Estland sind gesundheitsrelevante Daten Bestandteil des Personalausweises. Was wäre, wenn genetische Anlagen künftig auch breit erfassbar und sogar weithin einsehbar wären, somit Rückschlüsse auf die Wahrscheinlichkeit einer bestimmten Erkrankung zuließen, letztlich über den „biologischen Wert“ und nicht zuletzt über die ökonomische Verwertbarkeit eines Menschen?

Im Raum „Globus“ werden Informationen über die Herkunft der eingespeicherten Personen abgebildet und ausgewertet. Derartige geopolitische Daten sind in einer globalisierten Gesellschaft und Wirtschaft geldwert. Einerseits vermittelt „Globus“ das Bild eines grenzübergreifenden Weltbürgertums. Andererseits offenbart die Darstellung die Herkunft als einen entscheidenden Faktor für die Teilhabe an Wohlstand, Frieden und Sicherheit, für das Ausmaß an Einfluss und Versorgung.

Den Abschluss der Ausstellung bildet konsequenterweise eine automatisierte Gerichtsbarkeit. Personen und Paragraphen werden digital korreliert. Da die Daten objektiv sind, fällt eine Verhandlung aus. Das mag man nun reichlich überzogen finden. Berücksichtigt man allerdings, wie häufig und weitreichend Polizeiliches Führungszeugnis und Schufa-Auskunft über Lebenschancen entscheiden, liegen in der Fiktion doch erhebliche Anteile Realität.

 

Edith-Ruß-Haus, Oldenburg.

Bis 24. Februar 2013.

Di-Fr 14-18 Uhr, Sa und So 11-18 Uhr. Eintritt: 2,50 Euro. Eröffnung heute, 19 Uhr.

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