Dietmar Brandstädter zeigt im Syker Vorwerk, warum Künstler Freunde brauchen

Weg sind sie, die Bienen

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Lack statt Sandkasten: In „Monolog – Dialog“ hat es ein Künstler allein schwer.

Syke - Von Mareike Bannasch. Was beeinflusst einen Künstler? Menschen oder Stilrichtungen? Und wer verdient überhaupt den Titel Künstler? Eine Antwort auf diese Fragen gibt von Sonntag an die Ausstellung „Dialog-Monolog“ im Syker Vorweg. - Von Mareike Bannasch.

Dreh- und Angelpunkt sind die Werke von Dietmar Brandstädter, aber nicht nur die. Denn Brandstädter rückt den Dialog ins Zentrum – und öffnet dafür die Türen seiner umfassenden Sammlung. Herausgekommen ist eine Zwischenbilanz seines Schaffens, die deutlich macht, dass Künstler eben keine von der Umwelt abgeschotteten Wesen sind, sondern nur im Wechselspiel mit anderen funktionieren, sich so erst weiter entwickeln können – in handwerklicher als auch inhaltlicher Sicht. Besonders ersteres ist der Ankerpunkt, auf den Brandstädter immer wieder zurückkommt. Für ihn trennt eben dieses Handwerk die Spreu vom Weizen – Möchtegernmaler von „richtigen“ Künstlern.

Das klingt zunächst hochtrabend, ist mit Blick auf die Ausstellungskonzeption aber sinnvoll. Hier beginnt Brandstädter, wie könnte es anders sein, mit dem Handwerk, genauer gesagt den ersten Semestern seines Studiums an der Folkwangschule. Zeichnungen und Drucke geben einen Einblick in die Anforderungen an der kreativen Kaderschmiede. Und in den Einfluss von außen – mehr als deutlich zeigt sich die Begegnung mit Otto Dix in einer Wachskreidezeichnug auf Papier. Ein männliches Gesicht mit großen Ohren und großer Nase zieht auch ohne viel Fantasie Parallelen zu Dix‘ Werken.

Oder die Lackskin-Stücke einen Raum weiter, die nicht nur verschiedene Formen miteinander vermischen, sondern fundamentalere Dinge zu Papier bringen: den Ursprung der Welt. Nur dass der Urknall hier in Neon-Grün daherkommt. Das ist nicht einfach nur der Einfall eines kreativen Kopfes, sondern steht ebenfalls in direkter Beziehung zu einer Begegnung, dieses Mal mit André Thomkins. Brandstädter hatte ihn während seiner Ausbildung zum Tischler kennengelernt. Und auch wenn er den in Auftrag gegebenen Sandkasten nie baute, konnten beide immerhin künstlerisch voneinander profitieren.

Doch ist das schon alles? Lässt sich ein künstlerisches Schaffen allein darauf reduzieren, dass man inspirierende Freunde hat? Für Dietmar Brandstädter nicht, versteht er sich doch als einen politisch denkenden Menschen. Aber was bedeutet das genau? Bei Brandstädter, dass er sich mit aktuellen gesellschaftlichen Problemen auseinandersetzt, die sich nicht immer direkt vor der Haustür abspielen.

Wie in der Installation „Schwarmzeit“, die im Vorwerk einen ganzen Raum füllt. Zentraler Blickpunkt sind mehrere Bienenkästen, die auf einem Berg aus Getreidekörnern stehen. Doch von Bienen weit und breit keine Spur, hier summt schon lange niemand mehr. Was die Bienen vertrieb? Keine Ahnung, ist auch egal, hier geht es um wichtigeres. Steht das Bienenvolk doch stellvertretend für all jene, die ihr Land verlassen müssen – auf der Flucht vor Krieg oder Hunger. Und ihre Heimat nun erst recht in den Abgrund reißen: Denn wo keine Bienen, da gibt es auch keine Pflanzen. Ein Teufelskreis.

Dieser spiegelt sich auch an den Wänden des Raumes wider. Dort prangen in übergroßen Formaten Schwarzweißfotografien von Massenerschießungen und zerbombten Innenstädten, genau jene Ereignisse, die Menschen erst in die Flucht zwingen. Dietmar Brandstädter fällt zu diesem Thema aber noch einiges mehr ein. So runden mehrere Collagen die Installation ab. Sie beschränken sich aber nicht auf aktuelle Flüchtlingsproblematiken, sondern gehen weiter in der Geschichte zurück – und landen so wieder beim Massenmord. Mit dem feinen Unterschied, dass sich dieser direkt vor der Haustür abspielte, nicht dass das etwas am Ausgang geändert hätte.

Dennoch wird der Betrachter ein bedrückendes Gefühl nicht los, wenn er auf ein schlichtes weißes Baumwollhemd blickt, ein altes Hemd, das ein genaueres Hinsehen verdient. Denn in Höhe der Brust zeichnen sich auch heute noch die Umrisse eines Judensterns ab, während ein Auszug der Börsenzahlen aus dem Jahr 1939 die Nutznießer des Holocausts erkennen lässt.

Jedoch wird dies nur in Ansätzen deutlich, denn düstere schwarze Striche und Formen schmieren das Bild voll, machen ein genaueres Studium unmöglich. Hier regiert das Chaos – wie in den nun folgenden Jahren. Einfache Farbe als moralischer Fingerzeig, das ist zwar wenig originell, aber dafür eindrücklich. Genauso wie der Rest der Ausstellung, die immer dann überzeugend ist, wenn es ins Politische geht. Denn eines ist im Vorwerk mehr als deutlich: Bei aller Kritik, ohne die Politik wäre Kunst nur halb so schön – und auch nicht möglich.

Bis 4. Januar. Öffnungszeiten: Mi. 15-19 Uhr, Sa. 14-18 Uhr und So. 11-18 Uhr.

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