„Der alte König in seinem Exil“ am Stadttheater Bremerhaven

Diesseits der Defizite

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Nur die Zettel bringen Klarheit: Szene aus „Der alte König in seinem Exil“. ·

Von Andreas SchnellBREMERHAVEN · Sie ist wahrscheinlich nicht die letzte Frage – aber eine große Unbekannte dann doch: Schon das Wort Demenz beschreibt seinen Gegenstand negativ, als Abnahme, als Negation des Geistes, und beschreibt somit seinen Gegenstand gleichsam lückenhaft. Schwer zu sagen bleibt, was diesseits der Defizite liegt. Das beschreibt Arno Geigers Buch „Der alte König in seinem Exil“, den das Stadttheater Bremerhaven jetzt als vorgezogene Eröffnung des diesjährigen Theaterfestivals „Odyssee: Erinnern“ auf die Bühne bringt.

Geiger beschreibt, wie jene Mängel zunächst als charakterliche, vielleicht böswillige Leistung wahrgenommen werden, als scheinbare Konstante. Wie später die Diagnose einer unheilbaren Krankheit geradezu Erleichterung auslösen kann, weil sie ein bisschen Klarheit bringt. Wie sich die Beteiligten, in diesem Fall Vater und Sohn, selbst einen Reim darauf machen, einen Umgang damit finden, der nicht in der großen, heroischen Lösung besteht, sondern im oft mühsamen Alltäglichen. Dabei bewahrt Geiger seinem demenzkranken Vater nicht nur ein „offenes Schicksal“, weil er das Buch nicht erst nach dessen Ende veröffentlichte, sondern auch seine Individualität.

Krystyn Tuschhoff hat Geigers Buch als eindringliches Kammerspiel für zwei Schauspieler in einem minimalistischen Bühnenbild (Stefanie Stuhldreier) in Szene gesetzt, Valentina Scharrers Bühnenfassung lässt überwiegend den Sohn (John Wesley Zielmann) erzählen, eingestreut in die Narration sind Szenen mit dem Vater (Kay Krause), der schon am Anfang Verwirrung stiftet, als er, der Sohn hat schon begonnen, seine Geschichte zu erzählen, das Theater durch den Zuschauerraum betritt und nach seinem Platz sucht.

Gespielt wird in einer Art Hobbywerkstatt, an den Wänden sind Gläser mit Schrauben und Werkzeug angebracht, ein Schreibtisch steht auch dort, an dem der Sohn gelegentlich sein Manuskript vorantreibt. Und wichtige Sätze auf Post-its notiert und an die Wand klebt, kleine Zettelchen, wie sie den Theaterbesucher schon beim Aufgang zum Kleinen Haus begrüßen.

Die distanzierende Textfassung und die direkte Publikumsansprache, die immer wieder die Grenze zwischen Bühne und Zuschauerraum aufbricht, erzeugen Nähe und verhindern zugleich jeglichen Anflug von Kitsch, wozu natürlich auch die Schauspieler beitragen, Zielmann als Arno Geigers alter ego, sympathisch, alert, aufbrausend zunächst angesichts der Marotten des Vaters, bis er im Laufe der Zeit ein neues Verhältnis unter veränderten Vorzeichen zu ihm findet. Und Kay Krause, der den demenzkranken Vater meisterlich mit wenigen Mitteln in einer eindrucksvollen Charakterstudie porträtiert.

Kommende Vorstellungen: morgen sowie am 3. und 23. Mai, jeweils um 19.30 Uhr im Stadttheater Bremerhaven.

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