Sonja Anders ist neue Intendantin des Hannoverschen Schauspiels

„Dieses Theater wird weiblicher“

Sonja Anders Foto: dpa

Hannover - Von Jörg Worat. Die Mutter Krankenschwester, der Vater in der Finanzbehörde tätig, und auch ansonsten glänzt in der Familie das berühmte schwarze Künstlerschaf durch Abwesenheit: „So genau“, rätselt Sonja Anders, neue Intendantin am Schauspiel Hannover, „kann ich gar nicht sagen, was mich ursprünglich zum Theater hingezogen hat. In der Schule habe ich zwar Darstellendes Spiel gewählt und beim Germanistik-Studium einen Schwerpunkt ,Theater und Medien‘. Aber das Schlüsselerlebnis war 1988 ein Praktikum am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Ab da wusste ich – das ist es.“

An eben dieser Bühne in ihrer Geburtsstadt gab es für Anders später dann auch das erste Engagement als Dramaturgin. Stuttgart und wieder Hamburg hießen die nächsten Stationen, anschließend folgte der Wechsel als Chefdramaturgin und stellvertretende Intendantin ans Deutsche Theater Berlin. Und nun übernimmt die heute 54-jährige den Staffelstab in Hannover von Lars-Ole Walburg.

27 Neuproduktionen sind angesetzt, darunter zwölf Ur- und Erstaufführungen, ferner vier Übernahmen von anderen Bühnen. Zwei Themen stellt Anders in den Mittelpunkt: „Der politische Gestaltungsraum des Einzelnen“ und „Die Landschaftsvermessung der menschlichen Seele“ – das mag sich etwas sperrig lesen, wird von der neuen Intendantin im Gespräch aber umgehend mit Leben gefüllt: „Beides hat für mich viel miteinander zu tun. Wir spüren alle, dass Veränderungen in der Luft liegen, und es gibt eine große Unsicherheit, wohin diese Veränderungen führen könnten. Welche Möglichkeiten hat nun der individuelle Mensch, Einfluss auf diese Prozesse zu nehmen? Und welche seiner Wesenszüge sind dabei hinderlich, welche hilfreich?“

So ist es kein Zufall, dass die Eröffnungspremiere am 13. September den Titel „Zeit aus den Fugen“ trägt: Dieser zitiert zwar Shakespeare, wurde aber von Philip K. Dick für einen eigenen Roman aufgegriffen, eine schräge Geschichte, in der ein schlichter Bürger erkennen muss, dass er ohne sein Wissen in kriegerische Strategien verwickelt ist.

In der Folge wartet das Programm unter anderem mit Frauenfiguren wie Antigone oder Bölls Katharina Blum auf, an anderer Stelle ist aus Tschechows Platonow eine Platonowa geworden. Zudem sind zahlreiche Regisseurinnen am Start, und das neue Ensemble besteht je zur Hälfte aus Männern und Frauen, was unter dem Strich einen klaren Schwerpunkt bei den Stoffen und ihrer Umsetzung markiert: „Dieses Theater wird weiblicher werden“, betont Sonja Anders.

Nun nimmt die Intendantin für sich zwar die Bezeichnung „Feministin“ in Anspruch und gebraucht konsequent das Binnen-I, doch gilt es zu differenzieren: „Ich bin überhaupt nicht für die Erfüllung einer Quote an unserem Theater, finde aber die Quotendiskussion wichtig. An manchen Häusern inszenieren so gut wie gar keine Frauen, fast immer gibt es in den Ensembles deutlich mehr Männer. So war jetzt unser Ansatz, eine Ausgewogenheit herzustellen.“

Einige Akzentverschiebungen sind von Sonja Anders also zu erwarten. Um so besser, dass die neue Intendantin in Sachen Offenheit vor Ort bislang vorwiegend positive Erfahrungen gesammelt hat: „Wenn ich in Hannover Themen anspreche, die mich interessieren, wie ,Leben im Alter‘ oder ,Teilhabe der People of Colour‘, werde ich sofort auf entsprechende Initiativen hingewiesen. Das kannte ich in Berlin so nicht.“

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staatstheater-hannover.de

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