Marco Goecke erobert als neuer Ballettdirektor Hannover im Sturm

Diesem Anfang wohnt ein Zauber inne

Vom neuen Chef: Eine Szene aus der Choreografie „Thin Skin“ am Staatstheater Hannover. Foto: KSW / Andreas j. etter

Hannover - Von Jörg Worat. Das ging fix: Bei Kurswechseln pflegt das hannoversche Publikum ja zuweilen ein wenig zu fremdeln – der neue Ballettdirektor Marco Goecke eroberte das Opernhaus jedoch mit seinem Eröffnungsabend im Sturm. „Beginning“ lautete der programmatische Titel der dreiteiligen Vorstellung, die von deutlich anderen Merkmalen geprägt war, als man dies bei Goeckes Vorgänger Jörg Mannes kannte. Von opulenten Bühnenbildern konnte nicht die Rede sein, und statt großer erzählerischer Bögen stand weit eher die Beschreibung von Zuständen im Mittelpunkt.

So drehte sich „Prélude“ zum Auftakt um Phänomene der Zeit. Der französische Choreograph Medhi Walerski schickte hier ein großes Ensemble auf eine subtile Reise durch verschiedene Aggregatzustände. Zur mal schwebenden, mal donnernden Musik von Lera Auerbach bestachen vor allem die Wechselbeziehungen zwischen Individuum und Gruppe. Raffiniert wechselnde Lichtstimmungen definierten die Bühnensituation ständig neu, der Tanz mit ausgeprägtem Einsatz der Arme blieb im Rahmen dessen, was gemeinhin als ästhetisch empfunden wird. Den Höhepunkt bildete der facettenreiche Pas de deux von Verónica Segovia Torres und Adam Russell-Jones.

Dann war die Power-Fraktion am Zug. Der Grieche Andonis Foniadakis hat sich in seinem Stück „Kosmos“ Gedanken zu (Über-)Forderungen im modernen Leben gemacht, und wer hier mittanzen will, darf nicht zimperlich sein. Da flogen die Gliedmaßen und die Haare, Kollegen wurden schon mal über die Bühne geschleift, und der Energiepegel bewegte sich fast durchweg im roten Bereich – über vereinzelte Meditationsposen rollte die wilde Jagd alsbald gnadenlos hinweg. Bestechend die Präzision in den Gruppenszenen, schön der poetische Schluss, der einen dringend benötigten Bruch ins Geschehen brachte: Per Projektion mutierte das Ensemble plötzlich zu entrückten Glitzerwesen, die entfernt an die „Frogs“ aus den „Orion“-Filmen erinnerten.

Und natürlich durfte eine Choreografie des neuen Chefs nicht fehlen. Goeckes „Thin Skin“ beendete den Abend zu Patti-Smith-Gesängen mit all diesen speziellen Eigenarten: Die Figuren wirken bei Goecke wie getrieben, teils fast, als würden sie getanzt. Es gibt eine Fülle von Mikro-Moves, die man in ihrer Gesamtheit wohl nur bei mehrmaliger Betrachtung erfassen könnte, und zuweilen manische Wiederholungen einzelner Bewegungsmuster. „Thin Skin“ erwies sich als stark solistisch betont; Begegnungen und Berührungen zeichneten sich kaum durch große Zärtlichkeit aus, wenn etwa die Beine der Partnerin bewegt wurden, als seien es die Zeiger einer großen Uhr. Echte Kontakte untereinander gab es also kaum, schon gar keine öffnenden, und ein sichtbarer Bezug auf die Anwesenheit eines Publikums spielt bei Goeckes Choreographien ohnehin keine große Rolle.

Besagtes Publikum machte sich jedoch anschließend lautstark bemerkbar: Der gut zehnminütige Schlussbeifall, gewürzt mit viel Gejohle und Gejuchze nebst einzelnen Ovationen im Stehen unterstrich einmal mehr, dass Hannover eben eine Tanzstadt ist – und offenbar sehr neugierig auf die eigenwilligen Konzepte des Marco Goecke.

Kleines Kuriosum: Beim Verbeugungsmarathon senkte und hob sich der Vorhang zuweilen an unpassenden Stellen. Aber wenn das die einzige Choreografie des Abends ist, die etwas verrutscht, kann man damit leben.

Weitere Termine

Samstag, 2., 5., 15. und 19. Oktober um 19.30 Uhr. Außerdem am 13. Okotber um 16 Uhr im Hannoverschen Staatstheater.

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