Die „Theaterformen“ in Hannover zeigen Andreas Kriegenburgs Inszenierung von Kafkas „Der Prozess“

Diese Welt bietet keinen Halt mehr

Hannover - (Eig. Ber.) n Die „Theaterformen“ heißen nicht ohne Grund so: Das Festival besticht durch eine Fülle an ungewöhnlichen Aufführungsarten und Spielorten.

Und doch waren bei der diesjährigen Ausgabe nicht die Performance im Rathaus oder die szenischen Stadtführungen als erstes ausverkauft, sondern zwei Abende im Schauspielhaus, inszeniert von einem, der trotz seiner 45 Jahre schon als eine Art Altmeister des deutschen Regietheaters gelten kann: Andreas Kriegenburg hat für die Münchner Kammerspiele Franz Kafkas Romanfragment „Der Prozess“ auf die Bühne gebracht.

Die Inszenierung, dies vorab, hat solchen Zuspruch ebenso verdient wie den Ritterschlag durch die Einladung zum jüngsten „Berliner Theatertreffen“. Es ist eine einfühlsame, dabei rasante und visuell bestechende Umsetzung der surrealen Geschehnisse um den Prokuristen Josef K., der eines Morgens aus unerfindlichem Grund verhaftet wird und auch im weiteren Verlauf nie erfährt, welches Vergehen er begangen haben soll.

Kriegenburg vermengt dabei Stummfilm-Ästhetik mit akrobatischen Elementen. Den Josef K. lässt er von je vier weiblichen und männlichen Akteuren darstellen, die allesamt mit Seitenscheitel, Oberlippenbärtchen und fragwürdigem Anzug daherkommen. Bei Bedarf treten sie aus der Rolle heraus und übernehmen die Gegenspieler und Fürsprecher des schwer irritierten Helden. Dessen Gemütszustand spiegelt sich im Bühnenbild, das ebenfalls von Kriegenburg stammt: Vorne gibt es einen eher schmaler Streifen sicheren Bodens, der Mittelbereich erinnert an eine Halfpipe, und dahinter ist eine Drehscheibe angebracht, die zudem zwischen sanfter Schräglage und Steilwand gekippt werden kann.

Im ersten Teil sind darauf Bett, Tische und Stühle befestigt; der Zuschauer sieht gleichsam aus der Vogelperspektive, wie sich die Darsteller mit sagenhafter Sicherheit auf und zwischen diesem Mobiliar bewegen. Sie krabbeln, kraxeln und rutschen, ringeln sich nach der Pause embryonenhaft um Stäbe: Sinnbilder einer Welt, die ganz bestimmt keinen sicheren Halt mehr bietet.

Die Inszenierung ist streckenweise sehr komisch, was gewiss durchaus in Kafkas Sinn gewesen wäre. Hier und da illustrieren die Darsteller den Text mit derart überzogener Gestik, als gelte es, die Siegespalme im großen Schmierenkomödianten-Wettbewerb zu erringen, nicht selten überschreitet das Gebaren sogar die Grenze zum Slapstick. Die Körperpyramiden oder -räder, die sich immer wieder bilden, belegen einmal mehr Kriegenburgs choreographische Fähigkeiten. Auch die zuweilen wahnwitzig schnellen Wortwechsel haben Walter Hess, Sylvana Krappatsch, Lena Lauzemis, Oliver Mallison, Bernd Moss, Annette Paulmann, Katharina Marie Schubert und Edmund Telgenkämper sicher im Griff.

Vielleicht verliert die Aufführung während der Debatten um die berühmte Parabel „Vor dem Gesetz“ ein klein wenig an Fahrt. Weil sie das Publikum aber bis dahin bereits an den Rand der Schwindelgefühle getrieben hat, ist das zu verschmerzen. Am Ende orkanartiger Beifall, stehende Ovationen. Und alle juristischen Angelegenheiten dürfte man fortan mit noch größerem Misstrauen betrachten als ohnehin schon.

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