Bremer Kunsthalle zeigt Landschaftsradierungen von Carl Wilhelm Kolbe d. Ä.

Diese Idylle trägt den Tod in sich

Carl Wilhelm Kolbe d. Ä.: „Leierspieler und Mädchen an einem Brunnen“, 1802/03, Radierung.
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Carl Wilhelm Kolbe d. Ä.: „ Le ierspieler und Mädchen an einem Brunnen“, 1802/03, Radierung.

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Auch er sei in Arkadien geboren, bekannte einst Friedrich Schiller. Das stimmte zwar nicht so ganz, weil Marbach am Neckar liegt und keineswegs auf der Peloponnes.

Es war ja aber auch bloß der Mythos gemeint: jene hellenistische Vorstellung eines Ortes, wo Milch und Honig fließen – fernab von Hunger, Kriegen und all der anderen Unbill unseres Daseins.

Wie man sich dieses Paradies vorstellen darf, zeigt von heute an die Bremer Kunsthalle in ihrem Kupferstichkabinett. „Idyllisches Arkadien“ lautet der Titel ihrer Ausstellung von Landschaftsradierungen des romantischen Landschaftsmalers Carl Wilhelm Kolbe d. Ä. (1759-1835). Es handelt sich um 40 Druckgrafiken aus dem eigenen Magazin, ein laut Kunsthallen-Direktor Christoph Grunenberg „unentdeckter Schatz“ aus der „zweiten Garnitur“. Gehoben hat ihn die neue Kustodin Christien Melzer, die Kolbe-Schau ist ihr Debüt.

„Arkadien“ also und „Idylle“: Auf den ersten Blick wird dieses Versprechen geradezu emphatisch eingelöst. Da schlängeln sich pittoreske Flüsse durch saftige Wiesen, durchstreifen einsame Wanderer märchenhafte Wälder. Und in der Mitte steht fast immer er: der Baum. Die deutsche Eiche, breit, knorrig, wie die Romantik sie liebt. Hinter dieser heimeligen Naturlandschaft aber dräunt das Unheil. Man erahnt es in verdächtigen Wucherungen an halb verfaulten Ästen: Anmutungen dämonischer Gesichtszüge. Und man erfühlt es in vom Blitzschlag gezeichneten Baumstämmen mit bedrohlichem Schattenwurf. Diese Idylle trägt den Tod in sich, wie überhaupt Kolbe gerne mit dem Gegensatzpaar von Werden und Vergehen spielt.

Das zeigt sich besonders eindrucksvoll in seinen so genannten „Kräuterblättern“, wo Kultur und Natur einander in geradezu surrealer Weise begegnen. Dann watet eine Kuh – als Nutztier Symbol der vom Menschen domestizierten Natur – mit prall gefülltem Euter durch eine dschungelartige Sumpflandschaft. Auf einem zweiten Bild entdecken wir sie unter Bergen von Grünzeug: Blätter von Schilf und Butterblumen, von Schnecken zerfressen, dem Verfall geweiht. Natur als Überwältigerin der Kultur: Man darf darin eine kritische Auseinandersetzung mit dem Erbe der Aufklärung sehen.

Kolbe, sagt Melzer, lasse sich keiner kunsthistorischen Strömung eindeutig zuordnen. Gleichwohl ist sein Fundus an Themen und Motiven von dezidiert romantischer Prägung. Geradezu beispielhaft dafür erscheint sein „Badendes Mädchen vor einer Weide“ (1800). Eine nahezu detailgetreu angefertigte Kopie der antiken Venus Medici sehen wir dort am Flussufer stehen, wie sie schamhaft mit den Händen ihren Körper zu bedecken sucht. Doch nicht einer unerwarteten Öffentlichkeit gilt die offenbarte Schüchternheit der Nackten, nicht dem Ertapptwerden von einem Besucher aus der Zivilisation. Denn statt zum Betrachter richtet sich ihr Blick ins dunkle Gebüsch. Es ist vielmehr das Unbekannte, was diese Venus erschauern lässt, das Wilde und Triebhafte der Natur.

Das idyllische Arkadien entpuppt sich in Bildern wie diesem als Paradies mit doppeltem Boden. Natursehnsucht kontrastiert mit Furcht vor Vergänglichkeit, Freiheit mit Einsamkeit. Es sind diese Widersprüche, die vexierspielhaften Verstrickungen, die Kolbes Radierungen als Vorboten der Moderne erscheinen lassen. Ein „Schatz“, wie Grunenberg sagt? Zu Zeiten milliardenschwerer Funde in unscheinbaren Mehrfamilienhäusern mag das ein wenig hoch gegriffen sein. Eine reizvolle Wiederentdeckung aber ist es allemal.

Bis 23. Februar in der Kunsthalle Bremen. Öffnungszeiten: Mi. bis So. 10-17 Uhr, Di. 10-21 Uhr.

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