Roger Vontobel inszeniert Gioachino Rossinis Oper „Guillaume Tell“ an der Hamburgischen Staatsoper

Diese Fremden sind keine Fremden

Rossini: „Guillaume Tell“. -  Foto: Brinkhoff/Mögenburg
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Rossini: „Guillaume Tell“.

Hamburg - Von Ute Schalz-Laurenze. Jürgen Kesting, dem wir grundlegende Arbeiten über den Gesang verdanken, hat gezählt: 456 Mal hat Arnold Melchthal in Gioachino Rossinis letzter Oper „Guillaume Tell“ das hohe G zu singen, 93 Mal das As, 54 Mal das B, 19 Mal das C und zwei Mal das Cis. Für „normale“ Tenöre Spitzentöne, die Ausnahmen sind und bei vielen weder zuverlässig noch sicher kommen.

Nun ist in Hamburg ein Sänger zu erleben, der die exorbitanten Anforderungen der Rolle mit einer technischen Sicherheit und einer betörenden Klangschönheit beherrscht, als singe er ein Kinderlied: der Koreaner Yosep Kang. Ihm zur Seite, nicht weniger berauschend, die Chinesin Guanqun Yu als Mathilde von Habsburg: Die beiden sind die unglücklich liebenden Protagonisten der Oper, die die Grundlage für die großen politischen Opern des 19. Jahrhunderts legte.

Rossini hat danach keine einzige mehr komponiert. Insofern kommt diesem Werk eine besondere Rolle zu. Jetzt hat sie Schauspielregisseur Roger Vontobel als seine erste Opernregie an der Hamburgischen Staatsoper inszeniert. Die Texte im Programmheft suggerieren eine aktuelle Auseinanderesetzung mit dem „Fremden“ und unterstellen dem Verhalten Wilhelm Tells und dem „Rütlischwur“ ein restaurative Haltung. Das ist therotisch nicht nachvollziehbar, denn die „Fremden“ sind ja nicht „Fremde“, sondern habsburgische Besatzer. Dieses Mittelding zwischen Freiheit und Restauration ist auch auf der Szene zu sehen, denn die wirkt trotz schöner Bilder (Bühne: Muriel Gerstner) unentschlossen, teilweise unsicher. Viele seelische Details sind nur zu erahnen, viele Personen in ihrer Zugehörigkeit nur schwer zu erkennen.

Zu der anfänglichen Bauernhochzeit wird ein Bild restauriert, Ferdinand Hodlers „L’Unanimité“ (Die Einmütigkeit) von 1912. Es ist abgesperrt: „Attention: Restauration“, steht da doppeldeutig mit Bezug auf das vaterländische Verhalten Tells. Die Komposition selbst ist da unentschlossen: Glaubwürdig wird die Revolution aufgebaut und damit eine Nähe zum Paris von 1830, die Utopie dieser Oper – die Liebe – wird nicht zu Ende geführt. Dabei steht die Musik von Arnold und Mathilde im Zentrum. Für das Schlussbild wurde Hodlers Gemälde benutzt und großartig aufgebaut.

Das Orchester unter Gabriele Ferro hielt nach der allzu bekannten Ouvertüre über dreieinhalb Stunden eine enorme Spannung und Schönheit. Die Aktfinali gerieten zu Steigerungen von Pracht und Präzision. Die übergroße Chorpartie gelang mehr als gut.

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