Theater Bremen eröffnet Spielzeit mit „Schäfchen im Trockenen“

Die Zeichen stehen auf Winter

Ganz unten: Karin Enzler und Anna Leira van Poppel als Tochter Bea.
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Ganz unten: Karin Enzler und Anna Leira van Poppel als Tochter Bea.

Bremen – Es erinnert an das, was da kommen wird: Es ist Winter im Kleinen Haus. Schnee bedeckt den Bühnenboden, ein Kühlschrank, eine Waschmaschine, ein kitschbezuckerter Glitzerengel mit Geige, mehr ist da nicht. Bis auf die beiden Schauspielerinnen Karin Enzler und Anne Leira van Poppel. Im Winter – ausgerechnet – wird Resi mit ihrer Familie ihre Wohnung in Berlin Mitte verlassen müssen. Und die drohende Unbehaustheit ist der Dreh- und Angelpunkt von Anke Stellings Roman „Schäfchen im Trockenen“, unter anderem mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2019 ausgezeichnet und jetzt in der Regie von Nina Mattenklotz im Kleinen Haus des Theaters Bremen zur Premiere gebracht.

Stelling erzählt die Geschichte von Resi und ihren Freunden, die einst aus der schwäbischen Provinz nach Berlin gezogen sind, um ein Leben in Gleichheit und Freiheit zu führen. Was nicht funktioniert, sonst wäre es wohl kein Roman. Sondern Kitsch. Die Ankunft in der Realität unserer Gesellschaft nach der utopischen Jugend, die freilich nicht ohne einen gewissen, meist elterlichen Wohlstand zu haben ist, ist harsch.

Resi ist Schriftstellerin, hat mit ihrem Partner vier Kinder – und die Frage, wie sie das alles schaffe, ist, so konstatiert Resi, keine Frage. Sondern ein Statement. Es ist nicht zu schaffen.

Dass die merkwürdigen Zeiten, in denen wir leben, an diesem Abend auf mehreren Ebenen Rückkopplungen erzeugen, liegt auf der Hand. Wer jetzt noch kein Haus gekauft hat, wird es sich angesichts ungebremst steigender Immobilienpreise zumindest noch einmal überlegen. Wer weiß schon, wie tief die Gräben noch werden, die die Krise hinterlässt. Als ob es nicht schon schlimm genug wäre: Resi und ihre Familie leben nicht nur ohnehin schon prekär.

Während ihre Freunde ihr Geld in ein Bauprojekt stecken, wohnen sie als Untermieter in der Wohnung eines Freundes – bis Resi ihre Geschichte in einem Roman erzählt. Und es mit der Freundschaft von einem Tag auf den vorbei ist.

Wie sich die Ökonomie bis in die letzten Äderchen des Privaten ausbreitet, wie Ideale vom anderen Leben zerstäubt werden, das hat Stelling unbarmherzig ausgebreitet. In Bremen übersetzt Schauspielerin Karin Enzler, zu Beginn im Eisbärenkostüm, später im Look der nachlässigen Homeoffice-Arbeiterin, den Text in einen beinahe leichtfüßigen Ton, als meist stumme Begleiterin setzt Anne Leira van Poppel szenische und musikalische Akzente.

Die Vereinzelung des Subjekts, an der auch Resi zu tragen hat, scheint sich derweil im Publikum zu spiegeln. Gerade einmal 50 Zuschauer verteilen sich coronabedingt auf die 200 Sitzplätze des Kleinen Hauses, mit gewissenhaft desinfizierten Händen – Name und Adresse haben sie an der Kasse eingetragen. Das neue Ausverkauft. Man wird sich bis auf Weiteres daran gewöhnen müssen. Ebenso wie an die Unwägbarkeiten der Lage da draußen, die einen, wie Resi, von einem Tag auf den anderen nicht nur der Ideale beraubt, der Freundschaften, die bei Geld aufhören, wie sie nüchtern feststellt. Auch der Platz in der Gesellschaft, an dem man sich glaubte, sehen zu dürfen als selbstbestimmtes Wesen, steht plötzlich zur Disposition.

Bei Resi ist es sozusagen die aufgeklärte neue Mitte, bei der ökologisches Gewissen und die feine Lebensart Hand in Hand gehen, wenn man so will der „links-grün-versiffte Mainstream“. Der allerdings so links womöglich dann doch nicht ist.

Enzler modelliert Resis Verzweiflung über die Widersprüche und Drangsale durchaus mit bisweilen garstigem Witz heraus, ohne dabei zu moralisieren. Auch Stelling geht es nicht um die Einforderung des richtigen Lebens im Falschen. Ihre Konsequenz lautet ganz altmodisch: Klassenbewusstsein. Was fraglos ein kämpferisches Statement zum Beginn der Bremer Theatersaison ist. Ein sehenswertes ist es obendrein.

Sehen

Freitag und Samstag, jeweils 20 Uhr, Samstag, 13. September, 18.30 Uhr, Sonntag, 14. September, 20 Uhr, Donnerstag, 29. Oktober, 20 Uhr, Kleines Haus, Theater Bremen.

Von Rolf Stein

Die Künstlerin als Clown: Karin Enzler als Resi in „Schäfchen im Trockenen“.

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