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Richard Mosse in der Kunsthalle Bremen

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Von: Mareike Bannasch

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Ein Blick auf eine Bergkulisse im Kongo.
Der Schrecken des Bürgerkriegs wird erst auf den zweiten Blickt sichtbar: „Tower of Song“ aus der Serie „Infra“. © Courtesy of the artist, Jack Shainman Gallery, New York and carlier | gebauer, Berlin/Madrid

Der Schrecken kommt bei Richard Mosse meist in knalligen Farben, aber dafür nicht weniger wuchtig daher. Der in Irland geborene Fotograf hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Konflikte dieser Tage mithilfe besonderer Technik für immer festzuhalten.

Bremen – Dicht an dicht stehen die Zelte. Provisorische Bauten aus weißer Plane – schnell errichtet, aber auch schnell wieder verschwunden. Ein Teil ihrer Bewohner hat sich im vorderen Teil der Fotografie zusammengefunden. Umgeben von hohen Bäumen stehen die Kinder, Frauen und wenige Männer eng beienander. Fast so, als könnte die Gruppe ihnen Schutz bieten. Schutz, vor einer ungewissen, aber mit Sicherheit von Gewalt geprägten Zukunft.

Aufgenommen wurde das Foto „Lost Fun Zone“ im Binnenflüchtlingscamp Kanyaruchinya in der Provinz Nord-Kivu im Osten der Demokratischen Republik Kongo. Im Jahr 2012, als das Motiv entstand, beherbergte die Zeltstadt mindestens 60 000 Menschen. Sie waren aus dem Rutshuru-Territorium geflüchtet, wo die M23-Rebellen Angst und Schrecken verbreitet hatten. Ihr Frieden sollte jedoch nur von kurzer Dauer sein, bereits wenige Wochen nach der Aufnahme verließen sie das Camp in großer Eile, brachen ihre Zelte ab und machten sich erneut auf die Suche nach einem Ort, an dem sie in Sicherheit waren.

Aufnahmen im Kongo

Für die Fotoserie „Infra“ reiste der in Irland geborene Fotograf und Videokünstler Richard Mosse ab 2010 wiederholt in die Provinzen Nord- und Süd-Kivu des östlichen Kongo. Dort dokumentiert er beeindruckende Landschaften in einem von Bürgerkrieg gebeutelten Land, in dem es keine Gewinner gibt. Ständig ändern sich die Kriegsparteien, tun sich alte Gegner zusammen oder neue Milizen erscheinen auf der Bildfläche. Was all dies für die Menschen, aber auch die Landschaft bedeutet, ist nun in einer beeindruckenden Ausstellung in der Kunsthalle Bremen zu sehen. In insgesamt neun Räumen haben dort einige Serien von Mosse Platz gefunden, bei denen vor allem eines auffällt: der ungewöhnliche Einsatz von technischen Hilfsmitteln.

So hat Mosse für die Serie „Infra“ den seit 2009 nicht mehr hergestellten Infrarot-Farbfilm „Kodak Aerochrome“ verwendet. Dieser wurde während des Zweiten Weltkriegs für Luftaufnahmen des Militärs entwickelt und besonders intensiv im Vietnamkrieg eingesetzt. Aus einem ebenso simplen wie effizienten Grund: Der Film registriert infrarotes Licht, das von Chlorophyll in lebender Vegetation reflektiert wird. Dadurch gibt er grüne Landschaften in intensiven Magenta-, Purpur- und Pinktönen wieder – Menschen in Tarnkleidung sind also sehr deutlich erkennbar.

Infrarot-Farbfilm im Einsatz

Bei Mosse sorgt diese Technik dafür, dass der Betrachter mit Landschaften in prallen Pinktönen konfrontiert wird. Eine kunterbunte Ästhetik, die genug Raum für beeindruckende Panoramen mit vielen Bäumen, Weiden und hohen Bergen lässt. Welcher Schrecken sich hinter der Bildkomposition und der Schönheit bombastischer Farben verbirgt, erfährt der Betrachter auf den zweiten Blick, meist geben erst die vom Künstler selbst verfassten Bildbeschreibungen Aufschluss darüber, was sich dort vor Ort zugetragen hat. Sterben, Leid und Krieg kriechen so erst langsam ins Bewusstsein – und treffen uns umso härter.

Mosse hat sich aber nicht nur für die Aufnahmen im Kongo militärischer Technologie bedient, seit 2015 konzentriert sich sein künstlerisches Schaffen auch auf die Fluchtbewegungen in Europa. Dafür nutzt er eine Kamera, die Wärmestrahlung über eine Distanz von 30 Kilometern wahrnehmen kann. Diese als Waffe registrierte und für Langstrecken geeignete Mittelwellen-Infrarot-Wärmebildkamera wird von Regierungen für die Überwachung und Verteidigung von Grenzen verwendet – Mosse dokumentiert damit die menschenunwürdigen Zustände in den Flüchtlingscamps an den europäischen Grenzen.

Ein Grenzschützer schaut mit seinem Fernglas in die Kamera.
In dem Film „Incoming“ blickt Richard Mosse mit einer Wärmebildkamera auf die Flüchtlingscamps entlang der syrischen Grenze. ©  Courtesy of the artist, Jack Shainman Gallery, New York and carlier | gebauer, Berlin/Madrid

Die schwarz-weißen Fotografien in der Serie „Heat Maps“, zu der es auch eine Videoarbeit gibt, erinnern dabei an Stadtpanoramen aus dem späten Mittelalter, zumindest auf den ersten Blick. Denn die Aufnahmen geben kein einheitliches Panorama wieder: Jede Fotografie besteht aus Hunderten von hochaufgelösten Einzelbildern, die erst im Nachgang zusammengesetzt wurden. Eine Technik, mit deren Hilfe Mosse die skandalösen Umstände in den Camps deutlich macht, ohne die Menschen als Individuum zu zeigen. Die Kamera erfasst die Bewohner lediglich als Spuren körperlicher Wärme. Egal, ob Bewacher oder Bewachte: Sie alle verkommen zu schematischen Formen. Die besonders von der Politik stets so betonten Unterschiede zwischen „denen aus Syrien“ und uns, hier gibt es sie nicht mehr. Was bleibt, ist lediglich die Erkenntnis, wie viel Schuld sich die Regierungen mit ihrem Umgang mit den Schutzsuchenden aufgeladen haben. Allerdings wird diese nicht mit dem Holzhammer präsentiert, sondern wie für Mosse typisch sanft und auf zweiter Ebene.

Dies trifft auch auf die dritte Reihe zu. Aktuell konzentriert sich der Fotograf nämlich auf einen anderen Konflikt, der zum Endgegner der Menschheit werden könnte: den Klimawandel. In der Serie „Tristes Tropiques“ nimmt er die ökologischen Zerstörungen im Amazonas-Tiefland und dem Pantanal, dem größten Feuchtgebiet der Welt, in den Blick. Da sich der Regenwald über acht Länder erstreckt, nutzt Mosse für dieses Projekt die Multispektral-Technologie. Er setzt eine auf eine Drohne montierte Kamera mit zehn Spektralbändern ein und fliegt diese in großer Höhe über nur wenig erforschtes Gebiet. Dadurch erhält der Fotograf Tausende Einzelaufnahmen, die er zu großen Karten zusammensetzt, die vor allem zeigen, welches Ausmaß die Zerstörung schon jetzt angenommen hat. Denn er teilt die Pflanzen des Regenwalds in ein Farbschema ein: Blau-grau ist nicht mehr zu retten, während rote Farben bereits schwer geschädigte Bäume und Sträucher visualisieren. Es dürfte wenig überraschen, dass die von Mosse geschaffenen, großformatigen Werke sehr viel Blau und noch viel mehr Rot zeigen. Wenn sich diese Pflanzen nicht mehr erholen – und danach sieht es angesichts von illegalen Rodungen, Viehzucht und Sojaanbau leider aus –, dann sind Ukrainekrieg und Pandemie wirklich unsere kleinsten Probleme.

Mikroplastik im tiefsten Regenwald

Man könnte jetzt sagen: Das sind doch die Menschen vor Ort, die heimlich Feuer legen, um noch mehr Anbauflächen und Weideland zu schaffen. Und obwohl das natürlich richtig ist, tragen auch wir hier bei uns erheblich zur Zerstörung bei. Wie genau, zeigt Mosse in einer kleinen Serie mit dem unscheinbaren Namen „Ultra“. Für diese hat er nachts Biomasse in den Nebelwäldern Ecuador und Peru mit ultraviolettem Licht beleuchtet, um so zu zeigen, was sonst nur Insektenaugen sehen. Die Kamera fing dabei sowohl ultraviolettes wie auch fluoreszierendes Licht ein, weshalb in den Fotografien sich zersetzendes organisches Material neonfarben leuchtet, während faserige Stängel wie gefärbtes Metall anmuten. Und auch wenn diese Orte Tausende von Kilometern von der Zivilisation entfernt sind, haben die Menschen auch in diesem wunderschönen Mikrokosmos ihre Spuren hinterlassen – auf mehren Fotografien ist deutlich Mikroplastik zu erkennen, das sich bereits auf die Pflanzen gesetzt hat.

So ästhetisch ansprechend und technisch durchkomponiert die Werke von Richard Mosse auch sind, nach dem Rundgang durch die Ausstellung, der unbedingt empfehlenswert ist und für den man sich Zeit nehmen sollte, bleibt vor allem eine Erkenntnis: mit welcher zerstörerischen Wucht der Mensch versucht, die Regionen der Welt zu beherrschen, und dabei auf gar nichts Rücksicht nimmt. Weder auf Mensch noch auf Tier.

Der Besuch

Die Ausstellung läuft noch bis zum 31. Juli in der Kunsthalle Bremen.

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