Stadttheater Bremerhaven zeigt exzellente „Carmen“

Die Frau, die zu viel wollte

Will sich nicht von den Männern unterkriegen lassen: Patrizia Häusermann als Carmen, hier mit Marco Antonio Rivera als Don José.
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Will sich nicht von den Männern unterkriegen lassen: Patrizia Häusermann als Carmen, hier mit Marco Antonio Rivera als Don José.

Bremerhaven – Die zögerliche Frage, die Don José am Ende Carmen stellt, ob sie ihn liebe, beantwortet diese mit Nein. Diese Absage ist nicht nur eine Konsequenz aus seinem Verhalten. Er hatte es mit einer solchen Vielzahl von konkurrierenden Liebhabern aufzunehmen, dass er nie eine faire Chance hatte. Da gibt es in Prosper Merimees Novelle, die der Oper „Carmen“ zugrunde liegt, zunächst einmal einen lästigen Ehemann, den er aus dem Wege räumt. Weiterhin hat er es mit seinem Leutnant Zuniga und dem Stierkämpfer Escamillo zu tun, die ihm reichlich zu schaffen machen. Letztendlich müsste der Mann, mit dem Carmen zusammenleben könnte, erst noch geboren werden.

Und so bleibt ihr nur die durch eine männliche Sicht bestimmte Zuordnung zu einem Weiblichkeitskonzept, das man gemeinhin als Femme fatale bezeichnet. Also eine schöne, intelligente Frau von betörender Sinnlichkeit, die allerdings die christliche, bürgerliche, juristische Weltordnung gefährdet. Eben das ließ schon die Uraufführung von Bizets Oper „Carmen“ zum Skandal werden. Deren Welterfolg konnte das allerdings nicht verhindern.

Dämonisierende, sinnliche Weiblichkeit und damit verbunden die stereotype Wahrnehmung der schönen „Zigeunerin“ Carmen als sexuelles Wunsch- und Angstbild, all das übte schon immer eine Faszination aus, bestimmte allerdings auch die Rezeption. Peter Brook betont in seiner zusammen mit Jean-Claude Carrière und Marius Constant realisierten und 1982 uraufgeführten Version, die die Geschichte auf das Wesentliche reduziert, den Tragödiencharakter der Geschichte.

Das Überzeugende an Matthias Oldags subtiler Inszenierung am Stadttheater Bremerhaven ist, dass er genau hier ansetzt und kein blutiges Liebesritual inszeniert. Das reduzierte Bühnenbild (Susanne Richter) antizipiert Peter Brooks „armes Theater“. Carmen bekommt als wesentliches Requisit das Gehörn des Widders, in der griechischen Mythologie ein Symbol für männliche Aggressivität, eng verbunden mit Aphrodite. Eine Kombination, die für die Männerwelt schon immer ambivalent war, weil sie ebenso betörte wie ängstigte – man denke nur an die Sirenen des Odysseus!

Patrizia Häusermann überzeugt darstellerisch wie gesanglich. Sie koppelt sich vom Herrschaftsanspruch der Männerwelt ab und verlangt mehr als die Freiheit der Partnerwahl – in einer männlich dominierten Welt ein Kapitalverbrechen. Deren Vertreter bleiben in Brooks Fassung farblos: Kaum bedrohlich der Leutnant (Shin Yeo) oder der im Grunde feige Don José (Marco Antoni Rivera). Der umjubelte Stierkämpfer Escamillo (Marcin Hutek) entpuppt sich ebenfalls als Egoist, der sich mehr für die Männlichkeitsriten seines Jobs interessiert, ihm geht es mehr um Trophäen, als um Liebe. Es sind auch Kleinigkeiten, die diese Inszenierung auf den zweiten Blick so spannend machen. Ähnlich dämlich wie der Stierkämpfer verhält sich der Ehemann (Patrick Ruyters). Der könnte zwar seinen Widersacher mit seiner Pistole abknallen, greift dann aber lieber zum unter Männern „ehrenvollen“ rituellen Messerkampf.

Don José sollte im Original seinem Leutnant die Schuhe putzen, in Bremerhaven wirft er diese in einem „großartigen“ Befreiungskampf einfach weg. Das alles ist für Carmen nicht auszuhalten, zumal alle, die getötet worden sind, am Ende wieder auferstehen und Micaela (Judith Kuhn), die zweite weibliche Rolle, im traditionellen Rollenverständnis der Frau verhaften bliebt. Also wählt sie am Ende den Freitod und lässt sich von Don José am Ende erschießen.

Die Sänger, vor allem die beiden Sängerinnen agieren auf hohem Niveau, und Marc Niemann führt das reduzierte Philharmonische Orchester Bremerhaven sicher durch die komplexe Partitur. Diese exzellente Inszenierung bietet inhaltlich wie musikalisch Chancen abseits ausgetretener Pfade, sowohl Bizets Originalversion neu zu ‚erhören‘, als auch überkommene Vorstellungen der Rolle der Frau in der gegenwärtigen Gesellschaft zu überdenken, die leider noch immer virulent sind. Das alles wird in Bremerhaven überaus spannend erzählt. Ein Besuch lohnt also, sobald dieser wieder möglich ist.

Von Michael Pitz-grewenig

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