Die 36. Literarische Woche Bremen widmet sich den Rändern urbaner Räume

Im Dickicht der Vorstädte

Fotografische und erzählerische Streifzüge durch die Randbezirke sind Thema der Literarischen Woche Bremen. ·
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Fotografische und erzählerische Streifzüge durch die Randbezirke sind Thema der Literarischen Woche Bremen. ·

Bremen - Von Tim SchomackerKnoten, Siedlungsinsel, Relikt, Zerhäuselung – der Versuch, ein Stück Erde zu beschreiben, produziert mitunter nicht nur hilfreiche, sondern auch hübsche Begrifflichkeiten. Die genannten stammen aus dem „Handbuch zum Stadtrand“, in dem ein Forschungsprojekt der ETH Zürich verschiedene Peripherie-Sorten zu katalogisieren versucht.

Das signalisiert vor allem, dass sich das Phänomen Stadtrand weder in Trabantenstadt noch in Eigenheimsiedlungen erschöpft. Weniger mit architekturtheoretischem oder –praktischem Blick, sondern aus künstlerischer Perspektive rückt die 36. Literarische Woche in Bremen ab heute verschiedene Stadtränder (sowie ihre Bewohner und Beobachter) in den Blick. Ein Thema, das zwischen metropolitanen und provinziellen Erzählräumen unterrepräsentiert war in der deutschsprachigen Literatur der vergangenen Jahre.

Der Berliner Autor Albrecht Selge etwa – in seinem anderen beruflichen Leben ist er Redakteur einer Reihe von Audioguides zu großen europäischen Innenstädten – lässt seine Hauptfigur als zeitgenössischen Flaneur durch Berlin wandern. Die Figur, am Tage Vize-Manager einer Shopping Mall, kommt nachts, beim beinahe schlafwandlerischen Sich-Treiben-Lassen durch die Hauptstadt, auch zu diversen Stadträndern. Selge stellt sein Buch „wach“ am 29. Januar in einer Doppellesung gemeinsam mit der Bonner Medienwissenschaftlerin Heidemarie Schumacher vor. Deren (später) Romanerstling „Ein helles und ein dunkles Haus“ spielt dort, wo Berlin einige Leere zurückgelassen hat: in der ehemaligen Bundeshauptstadt am Rhein. Schumacher setzt ihre Figuren hinein in einen urbanen Prozess, den sie als „Re-Gentrifizierung“ bezeichnet. Die Bonner Südstadt nämlich, sagt Schumacher, sei ursprünglich als wohlhabend-bürgerlicher Stadtteil entstanden. Um heute wieder zu einem solchen zu werden. Wie anders die Vorzeichen dieser „Rückführung“ nach gut einhundert Jahren aber sind, markiert Schumacher mit dem (im Wortsinne) Beziehungsgeflecht ihres Figurenensembles. Und zeigt, wie sich urbane Entwicklungen an den verschiedenen Wohnraumaufteilungen bei gleichbleibender Bausubstanz erzählen lassen.

Das Wohnen wird in den Arbeiten des französischen Stadttheoretikers Henri Lefebvre zur zentralen Kategorie. Er formuliert ein „Recht auf Stadt“ und führt so eine Blickrichtung ins Nachdenken über urbane Räume ein, das sich mit den roten, grauen und grünen Flächen eines Stadtplans längst nicht mehr fassen lässt. Die Gleichzeitigkeiten zentraler und peripherer Betrachtungen von Stadt bestimmen Tina Uebels Roman „Last Exit Volksdorf“ (27. Januar). Angesiedelt im gutbürgerlichen Nordosten Hamburgs, analysiert Uebel soziale Verhältnisse jenseits des Stadtkerns.

Wie man in der zweiten Natur peripherer Arbeits-Orte eine fragile Idylle schafft, zeigen die Fotos von Jan Meier. Während der Literarischen Woche sind im Wall-Saal der Stadtbibliothek Hallen zu sehen, die die dort arbeitenden Menschen sich verschönert haben, Fragmente von gezirkeltem Grün. Im Zusammenhang mit Meiers Fotos bewegten sich vier Bremer Autor/innen zu den hanseatischen Stadträndern. Unter dem Motto „Der schmale Streifen Peripherie“ präsentieren sie (3. Februar) erzählerische Ergebnisse ihrer Streifzüge. Dabei wird sich vermutlich zeigen, dass die Vor-Orte Bremens etwas sehr anderes darstellen als die Pariser Banlieues, die der Soziologe und Schriftsteller Azouz Begag (31. Januar) in Zentrum seiner Betrachtungen rückt und die suburbane Struktur amerikanischer Kleinstädte, die den Hintergrund des Romans des diesjährigen Förderpreisträgers Joachim Meyerhoff (25. Januar) bilden. Im Singular lässt sich der Stadtrand längst nicht mehr betrachten.

Die 36. Literarische Woche findet bis 3. Februar an verschiedenen Orten Bremens statt.

http://www.literarische-woche.de

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