Diabolische Abgründe

Offenbachs Oper „Hoffmann Erzählungen“ beim Musikfest Bremen

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Da kniest di nieder: Marc Minkowski (l.), Aude Extrémo und Leonardo Capalbo in der Glocke.

Bremen - Von Markus Wilks. Spannendes Musiktheater geht auch ohne visuelle Überfrachtung. Einen Beleg für diese These lieferte das Musikfest Bremen mit der konzertanten Aufführung von Jacques Offenbachs Oper „Les Contes d’Hoffmann“ („Hoffmanns Erzählungen“).

Starke Sängerpersönlichkeiten und ein unermüdlich die Musiker antreibender Dirigent Marc Minkowski ließen in der Glocke die Theaterbühne (fast) vergessen. Begeisterter Applaus beendetet den mit vier Stunden langen, aber kurzweiligen Festspielabend.

Seit 1995 gastieren Marc Minkowski und das Orchester Les Musiciens du Louvre beim Musikfest Bremen und überzeugten auch dieses Mal mit ihrem frischen, zupackenden Spiel voller Klangkultur. Und, das ist ja typisch für konzertante Aufführungen, der Orchesterklang kann sich besser entfalten als in einem Theater, sodass die Strukturen und Farben der Musik besonders zur Geltung kommen. Zwar nimmt sich Marc Minkowski Zeit für die ruhigen Momente, insgesamt bevorzugt er jedoch eher zügige Tempi und rhythmische Zuspitzungen, um das Drama voranzubringen. Vor allem in den großen Ensembleszenen scheut er keine Effekte, zumal er von dem erstklassig singenden Philharmonia-Chor Wien (Einstudierung: Walter Zeh) vorzüglich unterstützt wird.

Aber in Offenbachs „fantastischer Oper“ geht es bekanntlich nicht nur um die große Bühnenshow, sondern um die Dekonstruktion des Künstlers Hoffmann. Während der Künstler Hoffmann auf seine (Ex-)Geliebte, die Sängerin Stella, wartet, thematisiert er ihre Facetten in Form von drei Liebesgeschichten – Erlebnisse mit dem Roboter Olympia, der Sängerin Antonia, die nicht mehr singen darf, und der Kurtisane Giuletta. Der alkoholisierte „Held“ steigert sich zunehmend in die tragischen Geschichten hinein und verliert Stella an seinen Rivalen Lindorf.

Mit Jessica Pratt steht dem Musikfest eine Sängerin zur Verfügung, die sämtliche Frauenfiguren differenziert singt und verkörpert. Was für eine vielseitige Bühnenerscheinung – ob als glitzernder Automat Olympia, trauernde Antonia oder lebensfrohe Giulietta, ihr dramatischer Koloratursopran füllt die Glocke bis in den letzten Winkel mit lyrischer Innigkeit und gesanglicher Wucht. Vergleichsweise schmächtig wirkt da der Hoffmann von Leonardo Capalbo, der sich aber mit eiserner Disziplin sehr achtbar schlägt und leidenschaftlich spielt. Ein ganzer Teufelskerl ist Robert Gleadow in den vier Gegenspielerrollen, zumal er über einen metallisch-schwarzen Bassbariton verfügt, der seine starke Bühnenwirkung um eine herausragende stimmliche Präsenz ergänzt.

Gespielt wird eine nur geringfügig gekürzte Version der unvollendet hinterlassenen und auf verschiedene Weisen komplettierten Oper (auf Basis der Kaye-Keck-Edition). Hiervon profitiert insbesondere die Sängerin in der Doppelrolle der Muse und des Niklausse, die durch selten gespielte Musik aufgewertet wird. Aude Extrémo nutzt diese Chance, denn sie gestaltet mit ihrem dunklen, großen Mezzo ebenso ausdruckstark wie die übrigen Protagonisten und „befördert“ die häufig lyrisch besetzte Partie gar in „Carmen“-Dimensionen.

Überhaupt ist es ein Vergnügen, dem szenischen Spiel in diesem „Konzert“ zu folgen, denn alle Sänger agieren gekonnt und leidenschaftlich. Nicht zu vergessen die vorzüglich besetzten Nebenrollen, für die Mathias Vidal, Christophe Mortagne und Jean-Vincent Blot als kompetente, charakterstarke Sängerdarsteller erwähnt werden sollen. Fazit: Große Oper in der Glocke!

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