Industrie des Mitleids

Das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg zeigt „Das halbe Leid“

Würden Sie mit ihm die Kleidung tauschen? - Foto: Erich Goldmann
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Würden Sie mit ihm die Kleidung tauschen?

Hamburg - Von Rolf Stein. Es geht um Empathie, laut Duden die „Bereitschaft und Fähigkeit, sich in die Einstellungen anderer Menschen einzufühlen“. Der Ort: eine riesige Fertigungshalle im Hamburger Stadtteil Barmbek.

In der Halle lungern Menschen herum, die Gesichter blass, manche mit Bierdosen in der Hand. Sie sind Leidende, die sich wenig später Besucher aussuchen, deren Mentoren sie für eine Nacht sein sollen. Um das Leid zu teilen.

Die Besucher sollen als „Kursisten“ ihre Empathiefähigkeit schulen. Dafür schlüpfen sie sogar in fremde Klamotten, bekommen neue Namen. Nicht allerdings, um das Leid aus der Welt zu schaffen, wie sich zeigen wird, sondern im Gegenteil. Nach und nach enthüllt das Performance-Kollektiv „Signa“ an der temporären Außenspielstätte des Deutschen Schauspielhauses das zynische Programm des Vereins „Das halbe Leid“.

„Signa“ ist das Projekt der dänischen Performance- und Installationskünstlerin Signa Köstler und des österreichischen Medien- und Performancekünstlers Arthur Köstler. Seit seiner Gründung 2004 macht das Kollektiv mit immersiven Inszenierungen von sich reden. Immersiv bedeutet, dass der Zuschauer für die Dauer der Vorstellung – das können ein paar Stunden sein, es waren aber auch schon mehrere Tage – in eine fiktive Welt eintaucht, die vorzugsweise in leerstehenden Gebäuden oder auf brachliegenden Flächen entsteht.

50 Zuschauer pro Vorstellung

Die Zuschauerzahl ist bei „Das halbe Leid“ auf 50 pro Vorstellung begrenzt, die Zahl der Mitwirkenden groß: Der direkte Kontakt zwischen Performern und Zuschauern ist von entscheidender Bedeutung. Niemand wird am Ende der Nacht exakt das gleiche erlebt haben wie die anderen, aber wohl niemanden lässt „Das halbe Leid“ unberührt.

Neben Leidenden und Kursisten gibt es sogenannte Mitleidende, die ehrenamtlich dem noblen Vereinszweck dienen. Und dabei die Leidenden oft zynisch schurigeln. Bei verschiedenen Aktivitäten erfährt man langsam mehr über Sinn und Zweck des Ganzen. Von den Leidenden, aber auch von den Mitleidenden. Wobei jeder seine eigene Wahrheit zu haben scheint. Mythisches Zentrum ist Dolores, eine Schmerzensfrau, die sich den Leidenden nachts nähert.

Manche fangen dann an zu schreien, müssen beruhigt werden. Zwei Nazis befinden sich auch unter den Leidenden. Weit nach Mitternacht laden sie zu einem spontanen Vortrag ein, in dem sie vor Überfremdung warnen. Nebenan machen die „Zigeuner“ Musik, es kommt zum Handgemenge. Und auch, wenn man eigentlich weiß, dass das alles Theater ist, kommt manch ein Zuschauer aus der Deckung, erzählt vom eigenen Schmerz.

Ein Leidender tapert unermüdlich durch die Nacht, nervös mit den Fingern schnippend. Ein anderer, der „Schimmelpeter“, kann ohne Wolfsgeheul aus dem Kassettenrekorder nicht schlafen. Immer wieder sind Schritte auf der Treppe zu hören. So geht das die ganze Nacht. An Schlaf ist nicht zu denken.

Alle Vorstellungen ausverkauft

Am Morgen gibt es ein gemeinsames Frühstück aus farb- und geschmacklosem Brei. Zum Abschied stellt jeder Mentor seinen Kursisten eine Teilnahmebescheinigung aus, in meinem Fall eine erfolgreiche: „Er ist jetzt befähigt, selbstverantwortlich die für ihn hilfreichen Erfahrungen im Alltag umzusetzen.“ In der Tasche habe ich außerdem den Antrag auf Mitgliedschaft im Freundeskreis. Vor allem Spenden seien willkommen, erklärt der Vereinsvorsitzende Peter Freund („der Name ist Programm“). Auf dem Weg zur U-Bahn schnorrt mich ein junger Mann an. Das Gefühl, dass auch das zur Inszenierung gehört, ist stark. Was weniger ein Erfolg des Kurses als Zeichen für die Wirkmacht des „Signa“-Prinzips ist, das mit theatralen Mitteln die reale Industrie des Mitleids attackiert.

„Das halbe Leid“ ist noch bis zum 14. Januar in der Werkhalle der Firma Heidenreich & Harbeck in Hamburg zu sehen. Alle Vorstellungen sind zurzeit ausverkauft, an der Abendkasse sind unter Umständen Restkarten erhältlich.

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