Deutsche Kammerphilharmonie geht zum „Sommer in Lesmona“ auf große Fahrt

Durch die Weltmeere

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Lauren Welliehausen

Bremen - Von Mareike Bannasch. Doch bevor sie die Anker lichten, spielen die Musiker die Ouvertüre zu „Fidelio“ – Beethovens einziger Oper. Auch wenn auf den ersten Blick höchstens die Gattung zum Thema des Abends passt, macht die Auswahl des Stückes dann doch Sinn.

Immerhin war „Fidelio“ einer der ganz großen Erfolge der Deutschen Kammerphilharmonie in der vergangenen Saison und brachte das Orchester bis nach Japan.

Und selbst wenn „Fidelio„ nicht ins Motto gepasst hätte, macht Beethovens Rettungs- und Befreiungsoper mehr als deutlich, dass die Kammerphilharmonie ihren Weltrang nicht ohne Grund innehat. Wuchtig und pompös hallen die Klänge durch Knoops Park, nur um sich von seichten Melodien, die fast schon an Wellenschläge erinnern, ablösen zu lassen. Ein gelungener Auftakt für die musikalische Seereise, die direkt weiter nach Japan und die beiden Solisten auf die Bühne führt. Da die eigentliche Sopranistin Susanne Bernhard kurzfristig erkrankt ist, übernimmt die Amerikanerin Lauren Welliehausen mit „Un bel di vedremo“ aus „Madame Butterfly“. Zwar gelingt es Welliehausen, die Sehnsucht des Geisha-Mädchens Cio-Cio-San zu verkörpern und auch stimmlich abzubilden. Allerdings bleibt dies hölzern, man nimmt ihr den Wunsch nach der Rückkehr ihres Mannes, Marineoffizier Pinkerton, nur bedingt ab.

Ganz im Gegensatz zum südafrikanischen Tenor July Zuma. Anlässlich seines Debüts in Bremen bringt der Sänger vom Kap eine nur selten gespielte Oper auf die Bühne: George Bizets „Die Perlenfischer“, genauer gesagt die Arie des Nadir. Und verkörpert dabei die männliche Seite der Sehnsucht. Stimmungsvoll vom Englischhorn begleitet, singt Zuma von der Erinnerung an eine alte Liebe – während im Hintergrund die Kammerphilharmonie mit der Brandung des Meeres für die nötige Portion Romantik sorgt.

Mit dem Ausfall der ursprünglichen Sopranistin gibt es auch einige Änderungen im Programm. So schafft es Verdis Oper „La Traviata“ auf den Spielplan. Passend zu den beiden Solisten ist es hier das Duett zwischen Alfredo und Violetta „Un di, felica, eterea“. Zuma gelingt es perfekt, den schmeichelnden Alfredo zu geben, der seine Angebetete von der Echtheit seiner Liebe überzeugen will. Violetta (Lauren Welliehausen) schenkt ihm zunächst allerdings keinen Glauben – um am Ende seinem Werben doch noch, zumindest ein bisschen, nachzugeben.

Obwohl Welliehausen und Zuma keine Probleme damit haben, die Gefühle ihrer Rollen glaubhaft darzustellen, können die beiden Sänger dennoch nicht überzeugen. Statt miteinander, singen sie nebeneinander her. Echte, fühlbare Chemie will zwischen Sopran und Tenor nicht aufkommen. Dieses ist womöglich dem Wechsel der Solistin geschuldet, denn bei der Zugabe sind Zuma und Welliehausen schließlich auch auf einem Nenner.

Die Deutsche Kammerphilharmonie beschränkt sich aber nicht nur auf leichtere Kost von italienischen Komponisten. Auch die schweren deutschen Opern des 19. Jahrhunderts – von Wagner und Weber – finden ihren Platz. Zum Glück, bilden sie doch einen gelungenen Kontrast zwischen der sommerlich-leichten Bremer Nacht und musikalisch verpackten Naturgewalten.

So kommt das Meer in den drei Stücken aus Carl Maria von Webers Oper „Oberon“ als mitreißender Strudel daher, der alles rücksichtslos verschlingt. In lauter und manchmal schon fast schmerzhafter Wucht treibt der argentinische Dirigent Alejo Pérez Zuhörer und Kammerphilharmonie über die tosenden Kämme, mitten hinein in die zerstörerische Macht der Wellen. Die hervorragende Leistung des Orchesters und ihres Dirigenten lenkt dabei auch vom Libretto der Weber-Oper ab, das schnell deutlich macht, warum „Oberon“ nicht oft gespielt wird. So reiht sich in „Ozean, du Ungeheuer“ eine Phrase an die andere, der Text lässt ratlos zurück.

Da hilft dann auch Lauren Welliehausen nicht, zumal diese ein ums andere Mal etwas außer Atem scheint. Dennoch ist „Oberon“ eine gute Wahl, lassen sich einige Parallelen zum Weber-Bewunderer Richard Wagner erkennen. So finden sich Elemente des Ozean-Stückes im später entstandenen Ring der Nibelungen wieder.

Um dem Publikum an diesem lauen Sommerabend nicht allzu viel Naturgewalt zuzumuten, stimmt das Orchester zum Ende hin wieder sanftere Töne an. Und gibt mit dem markanten Schlusspunkt, dem ersten Satz aus Antonín Dvoràks Sinfonie „Aus der neuen Welt“ schon einen Vorgeschmack auf die Zukunft. In der das Orchester nach Amerika reist.

Und das Publikum bestimmt ebenso begeistern wird, wie zum Auftakt vom Sommer in Lesmona. Sicher ist es ein Stück weit auch der Heimvorteil, der für die lauten Bravo-Rufe zum Ende der knapp dreistündigen Weltreise sorgt. Aber auch ohne diesen hat die Deutsche Kammerphilharmonie eindrucksvoll bewiesen, dass sich die Gewalt und Schönheit des Meeres nicht nur in Partituren zum Ausdruck bringen lassen, sondern auch auf einer kleinen Bühne im Bremer Stadtpark.

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