Deutsche Kammerphilharmonie Bremen begegnet ihrer eigenen Vergangenheit

Shakespeare mit Jagdflitter

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Ryan Wigglesworth

Bremen - Von Tim Schomacker. Wirklich leichtgängig ist er nicht, der dramaturgische Bogen, den die Deutsche Kammerphilharmonie diesem Konzert verpasst hat: Irgendwie soll sich alles auf Shakespeare beziehen. Nun ja. Die extravagante Schauspielmusik des Purcell-Mentors Matthew Locke zu „Der Sturm“ gewiss.

Auf diese macht sich der britische Komponist Ryan Wigglesworth, der den Abend über auch als Dirigent fungiert, seinen eigenen Reim. Auch bei Richard Strauss‘ Rosenkavalier-Suite mag das noch angehen. Aber die springlebendige und fanfarenschmetternde Sinfonietta von Leos Janacek? Oder gar Mozarts viertes Hornkonzert? Andererseits: Auf gegenwärtigen Theaterbühnen ist Shakespeare ja auch für alles zuständig, von Caesar bis Finanzmarktcrash. Warum also nicht auch für dieses Konzertprogramm?

Über die knapp zwei Stunden Spieldauer wirft dieses dann doch zahlreiche Verbindungslinien auf. Den orchesterkompositorischen Umgang mit Volksmusikalischem, namentlich Tänzen, etwa. Oder dem je sehr verschiedenen intensiven Einsatz von Blasinstrumenten. Im vom Hornisten Radek Baborak mit beeindruckend ernster Leichtigkeit vorgetragenen Mozart-Konzert findet sich sogar beides. Das tänzelnde Jagdgeflitter im abschließenden Rondo genauso wie die angenehm dezente Virtuosität, mit der Baborak sein Instrument in den Figuren des Allegro gezielt just an die Kante des Schmetterns heranspielt. Und so im Kleinen einen ebenso faszinierenden Blick auf das Mozartsche Geschehen wirft, wie er im Verbund mit der unter Wigglesworths Dirigat luftig aber konzentriert agierenden Kammerphilharmonie auf die Großform schaut. Hier erhebt sich das Horn aus dem Orchesterklang, um für einige Momente fast ein wenig ironisch drüberzustrahlen. Besonders schön jene Stellen, in denen die Solostimme kaum merklich an die Instrumentengeschwister im Orchester übergeben wird. Sodass das Horn zu sich selbst zu spielen scheint.

Rein zahlenmäßig gab es bis auf den Mozart großes Orchesterformat. Für Strauss, Janacek und auch Wigglesworths „Locke’s Theatre“ mit Mitgliedern der Jungen Deutschen Philharmonie auf spätromantische Dimensionen erweitert, war das Konzert für die Kammerphilharmonie eine Art Begegnung mit der eigenen Vergangenheit. Ist der zur Prominenz gereifte Bremer Klangkörper doch einst aus dem hochklassigen Ausbildungsorchester hervorgegangen. Auch wenn der Zugang zu Mozart in der jüngeren Vergangenheit schon mal ein wenig packender war, auch wenn die mittleren Abschnitte von Janaceks Sinfonietta in dynamischem Zugriff mitunter etwas abfielen gegenüber den fanfarensatten Passagen zu Beginn und am Schluss – der große Orchesteraufriss haute hin.

Das kam vor allem der Rosenkavalier-Suite zu Gute. Als hätten sich die allerkleinsten Rädchen erst beim abschließenden Stück so richtig justiert, präsentierten die beiden Orchester mit Ryan Wigglesworth ihren Strauss kantig, schroff, ungeheuer präzise in den vielen nuancierten Wendungen. Vor allem aber in der Dringlichkeit, mit der von den ersten knalligen Takten an das Folgegeschehen infiziert wurde. Sodass die späteren Walzer-Passagen nur noch gallig funktionierten, als klangbildlicher Blick auf ein an seiner eigenen Traditionspflege festkorrodiertes Österreich.

Mit vielem, was der Dirigent Ryan Wigglesworth für diesen Abend konzipiert hatte, konnte der gleichnamige Komponist nicht durchgehend mithalten. Vor allem Lockes ultralangsamer, zwischen Grabmusik und Menuett changierender, nur vom Streichquartett gespielter Vorhangsmusik zu „Der Sturm“ (1674) erwies sich der elisabethanische Komponist als Entdeckung. Jeweils vor einer eigenen kompositorischen Ableitung ließ Wigglesworth eine Referenzstelle Lockes spielen. Doch ging seinen eigenen Auseinandersetzungen just das ab, was er an Locke so toll findet: Eigen- bis Starrsinnigkeit, harmonische und rhythmische Extravaganz. Wigglesworth „Locke’s Theatre“ (2013) erinnert mit immer wieder durch Schläge und Akzente unterbrochenen verschrägten Clustern, Akkorden und Haltetönen fern an frühen Nono, auch mal an mittleren Rihm. Aber so gar nicht an heute.

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