Autor Patricio Pron präsentiert im Café Ambiente seine Novelle „El comienzo de la primavera“

Deutsche Abgründe aus argentinischer Sicht

Von Anja KümmelBREMEN (Eig. Ber.) · Patricio Pron behandelt „eine genuin deutsche Thematik“, sagt Prof. Dr. Sabine Schlickers, Spezialistin für lateinamerikanische Literatur, in ihrer Einführungsrede.

So geht es in seiner 2008 erschienenen und mehrfach ausgezeichneten Novelle „El comienzo de la primavera“ (Frühlingsbeginn) um „die Verstrickung eines Philosophen in den Nationalsozialismus“. Bei einer Veranstaltung mit dem Titel „Argentinien liest“ – die zweite in der gleichnamigen Reihe des Instituto Cervantes Bremen – mag diese Feststellung zunächst überraschen. Schaut man sich jedoch die Biographie des 1975 in Rosario/Argentinien geborenen Autors und Journalisten an, wird seine Themenwahl verständlich. Nach zahlreichen Reisen durch Ost- und Westeuropa, Nordafrika, die Türkei und den Balkan war Pron mehrere Jahre als Assistent an der Universität Göttingen tätig, wo er auch promovierte. „Ich wollte ein Bild von Deutschland entwerfen, wie ich es erlebt habe,“ so der Autor: „und nicht, wie es vom Goethe-Institut vermittelt wird.“

Abwechselnd mit Michael Meyer, Schauspieler und Sprecher der Bremer Shakespeare Company, liest Pron das erste Kapitel von „El comienzo de la primavera“ sowie zwei Texte aus seinem Erzählband mit dem utopischen Titel „El mundo sin las personas que lo afean y lo arruinan“ (Die Welt ohne die Leute, die sie verunstalten und ruinieren), der 2010 herauskam.

Hauptfigur der auf zwei Zeitebenen angelegten Novelle ist der argentinische Philosophiestudent Martínez, der das Erstlingswerk des deutschen Philosophen Hollenbach übersetzen möchte. Es trägt den Titel „Betrachtungen über die Ungewissheit“ und beschäftigt sich mit der Frage, was für eine Sprache erfunden werden müsste, um Diskontinuität zu vermitteln. Die Idee der Diskontinuität bestimmt auch die nicht-lineare Erzählweise des Buches. Martínez reist nach Deutschland, um den alten Philosophen ausfindig zu machen. Dort angekommen, wird er mit dessen dunkler Vergangenheit konfrontiert, die aus unterschiedlichen, teils widersprüchlichen Perspektiven beleuchtet wird. Mehrere Zeitzeugen erinnern sich, auf welche Weise Hollenbach – in lockerer Anlehnung an Heidegger – beteiligt war am Konkurrenzkampf um den Posten als „offizieller Philosoph des Nationalsozialismus“.

Den Totalitarismus des Hitler-Regimes nutzt Pron als Symbol, um über totalitäre Tendenzen im Allgemeinen zu sprechen. Auch er hat die Auswirkungen eines faschistischen Systems erlebt, zählt er doch zur Generation der Kinder der Oppositionellen, die unter der letzten argentinischen Militärdiktatur (1976-1983) zu leiden hatten. Direkt über diese Erfahrungen zu schreiben, sei Pron „zu nah“ gewesen. Deshalb verlagert er seine Totalitarismuskritik nach Deutschland. Seinem Eindruck nach wurde hier die Vergangenheit weitaus besser aufgearbeitet als in seinem Heimatland. So geht er im Schreiben auch der Frage nach, wie Argentinier eine gesündere Beziehung zu ihrer Vergangenheit entwickeln können.

Neben diesem zentralen Thema gibt der Erzähler satirisch-bissige Einblicke in das deutsche Universitätswesen und die Gegenwartsgesellschaft. Auf seiner Reise quer durch Deutschland trifft Martínez auf allerlei bizarre Charaktere: Darunter sind Hausbesetzer, eine ehemalige Pornoqueen und ein Hausmeister, der Kaninchen züchtet, die sich gegenseitig auffressen.

Darüber hat das Goethe-Institut bestimmt nicht gesprochen. Umso schöner, dass man all diese herrlich grotesken Details, die unter der „Normalität“ lauern, bei Pron nachlesen kann – erzählt von einer Stimme, die ein Stück weit Teil der Gesellschaft geworden ist, über die sie spricht, und sich gleichzeitig eine Außensicht bewahrt hat, die es ermöglicht, eingefahrene Strukturen mit ironischer Distanz wahrzunehmen. Bleibt zu hoffen, dass beide Bücher bis zur Frankfurter Buchmesse, deren diesjähriges Gastland Argentinien ist, ins Deutsche übersetzt werden.

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