Neuer Band mit Essays von Remarque-Preisträger Ngugi wa Thiong’o

Deutliche Worte

Ngugi wa Thiong‘o 2017 in Barcelona. Foto: Alejandro Garcia

Syke - Von Rolf Stein. Ein Vorteil, den Schriftsteller und Philosophen gegenüber Politikern haben, ist ihr Beruf. Sie können, wie Ngugi wa Thiong’o einen Friedenspreis in der Regel ruhigen Gewissens annehmen, weil ihnen selten vorgehalten werden kann, bei nächster Gelegenheit Gewalt anzuwenden. Wie es Politikern nicht selten geschieht – zuletzt Abiy Ahmed, dem Premierminister Äthiopiens und jüngster Friedensnobelpreisträger. Kaum geehrt, machten Nachrichten von Toten bei Demonstrationen die Runde, die seine Sicherheitskräfte auf dem Gewissen haben sollten.

Ngugi wa Thiong’o, dem am vergangenen Freitag in Abwesenheit der Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis verliehen wurde, dürfte das kaum passieren. Was nicht bedeutet, dass sein Wirken ohne Wirkung geblieben wäre. Als einer der bedeutendsten Schriftsteller Afrikas zog er mit seinen Romanen, Theaterstücken, Essays, Kurzgeschichten und Gedichten immer wieder den Zorn der Mächtigen auf sich. Für das Drama „Ich heirate dich, wann ich will“ ließ ihn Präsident Jomo Kenyatta 1977 foltern und ins Hochsicherheitsgefängnis werfen.

Den Osnabrücker Renarque-Preis bekam Ngugi „vor allem im Hinblick auf seine aufklärerischen antikolonialistischen Themen, seinen Bezug auf traditionelle afrikanische Theater- und Erzählkunst sowie für sein Eintreten für den Erhalt der Muttersprache als Identifikationsmerkmal“.

Nachvollziehen lässt sich das sehr schön unter anderem anhand des soeben in deutscher Sprache erschienenen Buchs „Afrika sichtbar machen. Essays über Dekolonisierung und Globalisierung“. Der Band enthält sieben Aufsätze, von Thomas Brückner aus dem Englischen übersetzt, sowie ein Vorwort von Boniface Mabanza Bambu zur deutschen Ausgabe und ein weiteres von Ngugi selbst zur englischen Ausgabe, die unter dem Titel „Secure The Base: Making Africa Visible on the Globe“ erschienen ist.

Wie das Wort Stamm Wirklichkeiten verschleiert, wie die Globalisierung und der entfesselte Kapitalismus vernichtende Wirkung entfalten, die Spätfolgen der Sklaverei, die verzerrte Perspektive, mit der nicht nur unsere Landkarten aufwarten, wenn es um den Kontinent geht, von dem aus die Menschheit einst den Globus eroberte – das sind die Themen, die Ngugi hier erörtert, Karl Marx, William Shakespeare, Bertolt Brecht, Marcus Garvey und Frantz Fanon im Gepäck. Unmissverständlich, unnachgiebig und mit scharfer Polemik: „Gebt den Verstand an der Tür ab, bevor ihr die Kammer afrikanischer Konflikte betretet“, schreibt er an einer Stelle. Bequemen Gewissheiten setzt er deutliche Worte entgegen, wenn er NGOs die „säkularen Missionsgesellschaften im Zeitalter der Globalisierung“ nennt. Für Frieden einzutreten, ist nunmal ein Kampf in einer Welt wie der unseren.

Die heutigen afrikanischen Eliten nimmt Ngugi dabei ausdrücklich mit in die Pflicht: „Ja, Afrika muss aufhören, dem wohltätigen Westen gegenüber den dankbaren Bettler zu gehen.“ Womit wir freilich bei dem Nachteil sind, den Schriftsteller und Philosophen gegenüber Politikern haben: Dass ihre Waffe das Wort ist. Es ist deshalb ein wichtiges Zeichen, dem Wort von Ngugi mit dem Remarque-Preis zusätzliches Gewicht zu verleihen.

Lesen

Ngugi wa Thiong’o: Afrika sichtbar machen. Essays über Dekolonisierung und Globalisierung; 14 Euro, Unrast Verlag.

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