„Wieder mal perfekt“: Fotos, Zeichnungen, Klang, Cover und Bücher von Harald Falkenhagen in der Weserburg Bremen

Von wem ist das denn?

Kommentar eines Kundigen.

Von Rainer BeßlingBREMEN (Eig. Ber.) · „Früher hab ich mir auch schon nicht ähnlich gesehen.“ Nicht nur in, auch vor seinen Bildern gelingen Harald Falkenhagen die Pointen.

In klassisch kalkulierter Kulisse sieht man den Künstler auf einer riesigen Fotografie als jüngeren Mann recht düster dreinschauen. Die Szene in sachlichem Schwarz-Weiß und kargem Raum ist aufgeladen von bedeutungsschweren Requisiten und einer gemessen ernsten Geste des Protagonisten.

Ein Selbstporträt, eine Ich-Inszenierung, ein Kommentar zum Bildnis? Man schwankt. Falkenhagens Fotos sind monumental und zugleich merkwürdig leer. Um wen geht‘s hier eigentlich? Wer ist gemeint? Wen macht Kunst womit vertraut? Dann entdeckt man skurrile Sitzgelegenheiten und verquere Attribute. Die Symbolgebärde wird pulverisiert, und dem Erhabenen, stillem Ernst und stummer Größe, geht die Luft aus auf dem Stachel der Komik.

Fotografie, Philosophie, Ironie – die Arbeiten von Harald Falkenhagen bringen ihr Publikum schnell auf humorreiche Besinnungswege. Mit seinen Fotos, Zeichnungen, Büchern und Installationen lässt sich die Sinnfrage, vor allem die um Künstlertum und -tümelei, um Blow Up, Blasen und Aufplustern kreisende, launiger stellen.

Das Studienzentrum für Künstlerpublikationen in der Weserburg hat aus eigenem Bestand und aus dem des Künstlers eine kleine, schöne Werkschau zusammengestellt. Das Künstlerbuch zieht sich neben Zeichnung und Fotografie als zentrales Medium durch das Schaffen des gebürtigen Delmenhorsters (Jahrgang 1956). Schön seine „Applausforschung“, in der den Beifall betreffende Passagen aus Texten eines lokal dominanten Kritikers herausgelöst sind. Skurrile Fundstücke eines Rezensenten-Rituals.

Dazu publizierte Falkenhagen auch Audiophiles und pflegt bis in die Einladungskarten hinein pointierte Formgestaltung und geschliffen lakonische Texte im ganzen Ausstellungsdrumherum.

Als eine Art Markenzeichen jedoch können Falkenhagens handschriftliche Notate gelten, lange Jahre und konsequent einformatig auf blankes DIN A4-Papier gebracht. Als Provokation gegen langwierige Bildherstellungsverfahren dürfen die beiläufig daher kommenden, teils von Durchstreichungen ins Lapidare, Spontane, Skizzenhafte gesetzten Kommentare zu Kunst und Leben, Ich und Welt verstanden werden. Vor allem aber sind die geistreiche Apercus eines Kundigen, die schnelle Entstehung suggerieren, aber auch lange Haltbarkeit behaupten können.

Die Weserburg bietet neben der Rückschau auch eine überraschende Premiere. Erstmals verlässt Falkenhagen die DIN A4-Größe und reichert seine Schrift durch vergleichsweise üppige farbige Zeichnung an. „wieder mal perfekt“ heißt es unter aufblühendem Kolorit. „Das sehe ich ganz ähnlich“ steht es unter einem formlosen und ordnungsfreien Punktgewimmel. „Das Glück“ thront auf einem amorphen goldigen Etwas. Wer hin und wieder mit Künstlern spricht, weiß, dass ein Satz wie „Manchmal mache ich so was“ bei einigen durchaus als Kern der Selbstoffenbarung verstanden wird.

„Von wem ist das denn?“ ist als Eröffnungs- und Dauersatz in der Ausstellungsbesuchsrhetorik fest verankert. Bei Falkenhagens handschriftlichen Würfen in den leeren Bildraum dürfte er vermutlich doch seltener zu hören sein.

Weserburg Bremen, noch bis zum 4. Juli

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