„Nacht der Klänge“ im Bremer Dom

Denkmal für Gerechtigkeit

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Der Bremer Dom wird langsam zu einem Mekka für moderne Musik.

Bremen - Von Ute Schalz-Laurenze. „Nacht der Klänge“ hieß es am Wochenende eher bescheiden, genauso wie vor zwei Jahren im Bremer St. Petri-Dom: Die damalige Nacht war dem Klangzauberer Olivier Messiaen gewidmet, dieses Mal, im Bremer Dom, gingen die Programmgestalter weit über den Begriff Klang hinaus.

In Zusammenarbeit mit „Real Time“ und dem Bremer Schlagzeugensemble haben die Pianistin Claudia Birkholz, der Schlagzeuger Olaf Tzschoppe und der Leiter des Domchores Tobias Gravenhorst ein Programm gebaut, das viele Ansprüche erfüllt. Zum Beispiel den nach Vielseitigkeit und Abwechslungsreichtum: Immer neu werden die Spieler und Sänger im Nord- und Mittelschiff, aber auch in den Reihen, verteilt. Außerdem beeindruckt die inhaltliche Schlüssigkeit des Programms: Es geht um Menschen, die politischen und gesellschaftlichen Systemen zum Opfer gefallen sind. So wird der Abend bei aller rein klanglichen Schönheit zu einem Mahn- und Denkmal für Gerechtigkeit und Menschenwürde.

Ein Brief aus dem Gefangenenaufstand

Da erklingen zunächst einmal die „Canti di prigionaia“ des italienischen Komponisten Luigi Dallapiccola, die dem gewaltsamen Tod von Maria Stuart, Boethius und Savonarola bewegend Ausdruck verleihen. Der Kammerchor am Bremer Dom ist schon mehrfach durch Einstudierungen zeitgenössischer Musik aufgefallen, dieses Stück für Kammerchor, sechs Schlagzeuger und zwei Harfenspieler zeigt eine neue und gewachsene Souveränität des Ensembles. Frederic Rzweskis „Coming together“ ist die Vertonung eines Briefes aus dem Gefangenenaufstand in Attica 1971 und „I Funerali dell‘Anarchico Serantini“, für sechs nur am eigenen Körper arbeitenden Schlagzeuger, von Francesco Filidei erinnert an den 1972 zu Tode geprügelten Anarchisten Serantini. Die instrumentenlose Wiedergabe durch das Bremer Schlagzeugensemble ist atemberaubend.

Doch nicht nur das, der lange Abend – fast fünf Stunden dauern die Konzerte – wird auch eine Hommage an Johann Sebastian Bach, der mit seinen Kompositionstechniken immer wieder heutige Musiker zu Werken angeregt hat. Mit „Quaderno Musicale di Annalibera“ für Klavier von Dallapiccola spürt Claudia Birkholz mit feinstem Klanggsinn und wunderschöner Poesie den elf Reflektionen über die Kontrapunkte aus Bachs „Kunst der Fuge“ nach. Hier ist der thematische Bezug zwar etwas weit hergeholt, aber Bach war ebenfalls mal einige Wochen eingesperrt, weil er sich unerlaubt von seinem Arbeitsplatz am Weimarer Hof entfernt hatte.

Chormitglieder singen im Publikum

Auch Gerd Zacher (für Orgel: Tobias Gravenhorst) und Dieter Schnebel (für Stimmen: der Kammerchor) haben ihre Gedanken zu Bachs Kontrapunkten festgehalten: Die Mitglieder des Kammerchores stehen verteilt im Publikum, für das diese Klangverteilung eine völlig neue Erfahrung ist. Dies gilt auch für Michael Maierhofs „Shopping 2.1.“, für das die Schlagzeuger und Sänger 16 blauen Luftballons überraschende Geräusche und Rhythmen entlocken. Klarer Höhepunkt: die hochsensible Wiedergabe von Luigi Nonos „Con Luigi Dallapiccola“ für sechs Schlagzeuger und Elektronik (Roland Breitenfeld). Hier gehen die Musiker den Klängen aus Dallapiccolas „Il Prigionero“ nach. Es ist eine dramaturgisch gute Idee, den Abend mit der Wiederholung der „Canti di prigionaia“ von Dallapiccola zu beenden. Mit diesem Konzert, in dem auch noch das Jugendensemble „Smusic 21“ improvisiert, ist der Bremer Dom eine der wenigen Institutionen, die zeitgenössische Musik anbieten. Das sollte Mut für weitere Projekte machen.

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