Denkarbeit statt Schauspiel: „Faust hoch zehn“ am Theater Bremen

Publikum stört

Musikalisch befeuert swingen sich die Fauste durch die Monologe.
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Musikalisch befeuert swingen sich die Fauste durch die Monologe.

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Das Wort „Theater“ stammt vom griechischen „Theatron“ ab, jenem Halbrund des Zuschauerraums, das im antiken Schauspiel die kreisförmige Orchestra umschloss.

„Theater“ bedeutet seinem Ursprung nach also „Zuschauerraum“, abgeleitet von der Vokabel „i Thea“, „die Schau“. Es ist angebracht, auf diese Bedeutungsherkunft hinzuweisen, weil im Theater unserer Tage mancherorts eine seltsam verkopfte Vorstellung vorherrscht, wonach diese Kunstform so etwas wie ein selbsttherapeutisches Angebot für Schauspieler darstellt, bei dem Zuschauer eher stören.

Felix Rothenhäusler, zurzeit Hausregisseur am Theater Bremen, findet, Theater sei ein „Ort gemeinsamen Denkens“. Dagegen ist zunächst nichts einzuwenden, schon Schiller hatte sich von der „Schaubühne“ eine Wirkungskraft als moralische Anstalt erhofft. Der Haken an der Sache ist, dass Rothenhäusler damit weniger diejenigen meint, die schauen, als jene, die spielen. Schauspieler, sagt er, seien nicht da „um einen vorgegebenen Text auswendig zu lernen“, es gehe vielmehr um eine „gemeinsame Auseinandersetzung“. Zur Folge hat dieses Verständnis von Theater, dass aus dem vor Spielzeitbeginn versprochenen Schauspiel „Faust“ von Johann Wolfgang von Goethe mit Elfriede Jelineks Sekundärdrama „FaustIn and Out“ am Ende eine „Arbeit“ mit dem Titel „Faust hoch zehn“ von Felix Rothenhäusler und Dramaturg Tarun Kade geworden ist. „Denken“ und „Arbeit“ also statt „Schauen“ und „Spiel“: Was ein solches Theaterverständnis bedeutet, war am Samstagabend erstmals zu begutachten.

Zunächst sieht es nach Kino aus, Jelineks Textflächen in Hochglanzästhetik auf großformatiger Leinwand. Wir sehen Yuppies in einem futuristischen Konferenzzimmer, auf dem Bildschirm läuft Murnaus Stummfilm-„Faust“ von 1926 (eine Reminiszenz an Jelineks eigenen Regievorschlag). Wir sehen Managertypen beim Diskutieren und Arbeiter beim Schweißen. Wir sehen junge Männer beim Müßiggang im Park. Sie alle sprechen von ökonomischen Perspektiven („Wie der Markt etwas gegenwärtig bewertet, so bewertet er auch die Zukunft danach“), finanziellen Anlagemöglichkeiten („am Golde hängt, zum Golde drängt nicht mehr alles“) und philosophischen Problemen („Immer wenn man die Philosophie einmal braucht, ist sie nicht da“). Das wirkt wie die ironische Brechung jener pseudo-kontemplativen Selbstgespräche, mit denen Banken in idyllischen Werbespots ihr faustisches Gewinnstreben zu verschleiern suchen.

Doch dann hopsen die eben noch auf der Leinwand sinnierenden Gestalten plötzlich auf der Bühne herum, ein seltsamer Stampftanz zum eingängigen Beat (Musik: Matthias Krieg), so lange, bis alle Acht in Reih und Glied nebeneinander stehen, Gesicht zum Publikum. Ein Mann in Unterhemd (Matthieu Svetchine) deklamiert die perfekte Reise, natürlich Richtung Süden, dahin wo’s warm ist. Erst nach Venedig zur Rialto-Brücke, nein, noch besser, nach Rom, oder halt, nach Nordafrika, besser noch Südafrika: Whalewatching, das wär’s! Weiter, immer weiter bis in die Antarktis!

Sein Nachbar in militaristischer Kluft (Johannes Kühn) zieht derweil gedanklich schon mal die Laufschuhe an, ein kräftiger Vitaminmix früh morgens, dann kann es losgehen mit dem Sport: Joggen, Rad fahren, ab ins Schwimmbad, Brustschwimmen, Rückenschwimmen, im Fluss schwimmen, aus dem Fluss raus, querfeldein, weiter, immer weiter.

Weiter, immer weiter: Man hat das Prinzip dieser atemlos gehaspelten Höher-Schneller-Weiter-Berichte schnell verstanden, ob es um den Wahnsinn der Schönheitsoperationen geht (vorgetragen von Magali Sander Fett) oder um die Sehnsucht nach dem perfekten Liebesbeweis (Matthieu Svetchine): „Ich bau’ dir ein Haus, ein Bungalow, ach was: ein Hochhaus!“

Musikalisch befeuert, swingen sich diese acht Fauste (unter ihnen eine Tänzerin und eine Sängerin, die allerdings nicht singt) mit ihren Monologen in einen Sog des kapitalistischen Glücksstrebens, bis plötzlich Ruhe einkehrt und ein einsamer Siegfried W. Maschek leise verkündet: „Anmutige Gegend.“ Der Tragödie erster Teil, Hallelujah, scheint also beendet, man darf auf die Kraft des Flusses Lethe hoffen, mithin auf einen Neuanfang dieses Abends. Und tatsächlich ist zunächst von Landschaften die Rede, von Himmelshöhn und Klippentiefen statt von Whalewatching und Rückenschwimmen. Doch die Freude währt nur kurz, schon bald reißen die Acht wieder im Geiste Bäume aus, erwürgen als Jäger Gorillas und Krokodile oder träumen vom großen Casinogewinn in Monaco.

Es ist nicht so, dass es diesen Übertreibungen an Witz fehlte. Doch stellt sich die Frage, auf welchem Niveau dieser Witz unterhält. Denn was dieses Ensemble zelebriert, ist nichts weiter als das wohlbekannte Höher-Schneller-Weiter, die banalste aller „Faust“-Lesarten, durchexerziert an verschiedenen Erscheinungsformen unseres Lebens. Und weil sie auf die stupide Form der Deklamation beschränkt wird, belästigt sie ihr Publikum in derselben zwar lustig skurrilen, gleichwohl trivialen Aufdringlichkeit, mit der die tumbe Gier nach Ruhm und Reichtum ohnehin schon allabendlich im deutschen Fernsehen nervt. Das ist zu wenig des „gemeinsamen Denkens“, zu viel der Selbstbeschäftigung auf der Bühne – als hätten die Acht dort vorne bei all der schweren Denkarbeit ihr Publikum vergessen. Vielleicht hat es bei dieser Selbstbeschäftigung ja auch nur gestört, das Publikum, worauf ein grenzwertig ohrenbetäubender Lärm schließen lässt, der am Schluss jeden, dem sein Gehör lieb ist, ultimativ zum Verlassen des Raumes auffordert.

Das war sie also, die kollektive „Denkarbeit“ zum „Faust“-Komplex: Zum Mephisto noch mal, da hätte es ein gewöhnliches Schauspiel auch getan.

Weitere Vorstellungen am 22., 25. und 31. Oktober sowie am 5. und 20. November, jeweils um 20 Uhr.

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