Überschwemmung zum Frühstück

„Deep Sea“: 13 Künstler nähern sich in der Städtischen Galerie Bremen dem Lebensraum Tiefsee

+
In ihrer Installation „Wassereinbruch II“ erzählt Susann Hartmann von Zeiten, in denen der Menschheit das Wasser bis zum Frühstückstisch reicht – und die nicht mehr allzu weit scheinen. 

Bremen - Von Mareike Bannasch. Bevor sie sich zur Jagd aufmachen, geht es zum Rasieren. Alle zusammen, oben auf dem Deck sind sie angetreten, um ihren Bärten den Kampf anzusagen. Natürlich nicht mit einem handelsüblichen, viel zu kleinen Werkzeug – richtige Kerle nehmen ein fast unterarmstarke Messer. Denn nur echte Männer wagen sich überhaupt an Bord dieses Schiffes, dessen Crew sich aufgemacht hat, das größte Säugetier der Welt zu erlegen: den Wal.

Im Jahr 1940 sind sie zur Jagd aufgebrochen, festgehalten auf einem Film, der natürlich auch die Verarbeitung des Säugers in all ihren blutigen Details zeigt. Das Video ist Teil des Projekts „The Beast & The Eye of the Cyclone“ der Künstlerin Signe Johannessen. 

In zwei Skulpturen und dem Film nähert sie sich in der Städtischen Galerie Bremen aber nicht nur der Geschichte ihrer Familie an, die ebenfalls Wale gejagt hat. Sie bringt diese biografischen Hintergründe mittels einer Performance auch in Bezug mit der Macht des Wassers und den Lebenwesen der Ozeane. 

Dafür entwickelte sie ein Gerät, das optisch den Flossen eines Meeressäugers ähnelt und mit dem sie apnoetauchend durch ein fast schon friedliches Türkis gleitet. Ein Eindruck, der täuscht. Denn diese endlose Leere, nur ab und an von ein paar Fischen unterbrochen, scheint trügerisch. Immerhin könnten etliche Gefahren lauern. Dort, in der Tiefe des Meeres.

Die Künstler haben sehr unterschiedliche Zugänge zum Thema

Insgesamt 13 Künstler setzen sich ab Samstag auf äußerst unterschiedliche Weise in der Städtischen Galerie mit dem Meer, genauer gesagt der Tiefsee, auseinander. Eine Welt, die trotz aller wissenschaftlichen Fortschritte für den Mensch noch immer unerreichbar und daher mit mystischen Geschichten aufgeladen ist. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass es sich um ein bedrohtes Ökosystem handelt.

„Deep Sea“ ist aber keine alleinige Schau der Städtischen Galerie, sie ist eine Kooperation mit dem Künstlerinnenverband Bremen, Gedok und dem schwedischen „Ystads konstmuseum“, wo die Ausstellung vom 1. Juni bis 1. September zu sehen sein wird. 

Und auch wenn der Künstlerinnenverband den Impuls gegeben hat, ist es doch Zufall, dass nur ein männlicher Künstler dabei ist, so Mit-Kurator Ingmar Lähnemann. Die Rede ist von Åke Hedström, der in den Jahren 1977, 1988 und 1999 insgesamt 660 Fotos von einem schwedischen Strandabschnitt gemacht hat. Eine kleine Auswahl ist nun zum ersten Mal international zu sehen.

Plastikflaschen statt Möwen

Allerdings sind es keine Landschaftsbilder, Wellen oder Möwen sucht der Betrachter vergeblich. Stattdessen gibt es Plastikflaschen, Sandspielzeug oder Milchkartons – von Hedström wie Motive einer archäologischen Ausgrabung inszeniert. Wann genau die einzelnen Fotografien entstanden sind, lässt sich dabei höchstens erahnen. Denn der Müll der Jahrzehnte ist immer gleich. Er bezeugt nüchtern und erschreckend zugleich, dass wir die Meere bereits seit Langem ohne große Gewissensbisse als Entsorgungsstationen benutzen.

Was die Menschheit bei weiterer Umweltverschmutzung und nicht aufgehaltenem Klimawandel eines Tages erwarten dürfte, zeigt höchst eindrucksvoll Susann Hartmann. In der Installation „Wassereinbruch II“ ist der Betrachter mit einer Frühstückssituation konfrontiert, wie sie wohl jeder kennt. 

Auf dem Tisch stehen Marmelade, Ketchup, Margarine, Ei, Toaster und Kaffeetasse, während ein Toast auf dem Brettchen aufs Bestreichen wartet. Also alles ganz normal? Mitnichten. Was zunächst noch nach einem dieser entspannenden Wasserbrunnen klingt, verwandelt die Tischplatte nach und nach in einen See. Das Wasser kommt dabei aus Toaster und Kaffeetasse, wo es unaufhörlich ansteigt – bis es überläuft.

Der steigende Meeresspiegel wird auch für Bremen Folgen haben

Man muss sich nicht sonderlich anstrengen, um darin eine Referenz an den Meeresspiegel zu erkennen, der von schmelzenden Polkappen in die Höhe getrieben wird – was in letzter Konsequenz auch für Ystad und Bremen massive Auswirkungen haben wird. Dass diese Botschaft mit dem Holzhammer präsentiert wird, schmälert die Botschaft aber nicht. Stattdessen wird „Wassereinbruch II“ zum mahnenden Fingerzeig, sich endlich gegen den Klimawandel zu engagieren.

Die Installation lässt aber auch eine andere Deutung zu: Den Blick in ein futuristisches Leben, das sich mitten im Wasser abspielt. Eine Zeit, in der Überschwemmungen so normal wie Regenschauer sind, zumindest, wenn man sich an Frühstück mit labberigem Toast und sehr dünnem Kaffee gewöhnen kann. 

Sicher, noch ist dies eine Dystopie, die der Betrachter mit aller Macht als unrealistisch von sich weisen möchte. Wenn die Menschheit ihr Verhältnis zur Natur, und vor allem den Ozeanen, nicht schleunigst überdenkt, dürfte daraus aber schon bald bitterer Ernst werden.

„Deep Sea“ ist noch bis zum 27. Januar in der Städtischen Galerie zu sehen. Infos zum Begleitprogramm: www.staedtischegalerie-bremen.de

Das könnte Sie auch interessieren

Die Multiplayer-Postapokalypse: "Fallout 76" im Test

Die Multiplayer-Postapokalypse: "Fallout 76" im Test

Azubis kicken in der Rotenburger Bodo-Räke-Halle für den guten Zweck

Azubis kicken in der Rotenburger Bodo-Räke-Halle für den guten Zweck

In Malé zeigen sich die Malediven von einer anderen Seite

In Malé zeigen sich die Malediven von einer anderen Seite

Pressestimmen zum letzten DFB-Spiel des Jahres: „Hauch vom Confed Cup“

Pressestimmen zum letzten DFB-Spiel des Jahres: „Hauch vom Confed Cup“

Meistgelesene Artikel

Frank Turners „Be More Kind“-Welttournee macht im Bremer Aladin Station

Frank Turners „Be More Kind“-Welttournee macht im Bremer Aladin Station

Kerstin Ott privat: Sie ist mit einer Frau verheiratet, lebte im Kinderheim und war spielsüchtig

Kerstin Ott privat: Sie ist mit einer Frau verheiratet, lebte im Kinderheim und war spielsüchtig

Meat-Loaf-Musical „Bat out of Hell“: Liebe, Sex und Rebellion

Meat-Loaf-Musical „Bat out of Hell“: Liebe, Sex und Rebellion

Erstes „Familienkonzert“ am Theater Bremen

Erstes „Familienkonzert“ am Theater Bremen

Kommentare