Ein neues Buch über „Die Kunst vom Wahn- und Wahrsagen“ untersucht die Zukunftsdeutungen rund um Delphi

Das Debakel mit dem Orakel: Hellseher und Hellsichtige der Antike

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Kreiszeitung Syke

Syke - Von Johannes BruggaierLyderkönig Krösus war ganz beseelt, als er das Orakel von Delphi verließ. Sollte er mit seinen Truppen den Fluss Haly überqueren und seinen Nachbarn Persien angreifen, so hatte ihm die weise Pythia prophezeit, dann werde er „ein großes Reich zerstören“.

Eine verheerende Niederlage später wandte sich Krösus wieder an das griechische Heiligtum: als enttäuschter Kunde, auf der Suche nach einer Erklärung für dieses Orakel-Debakel. Die fiel den Priestern nicht schwer. Ein „großes Reich zerstören“? Ist doch eingetreten! Wer sagte denn, dass Persien damit gemeint war?

Die Geschichte vom gedemütigten Lyderkönig steht geradezu beispielhaft für die Orakelgläubigkeit in der Antike. Beispielhaft deshalb, weil sie Delphi als oberste Autorität anerkennt, zugleich aber auch die Kniffe verrät, mit denen das Heiligtum am Parnass diese Autorität erlangt hat. Vage Formulierungen, zu Sensationen aufgeblasene Banalitäten, heimliche Erkundungen beim Fragesteller: Das ganze Arsenal an Tricks, derer sich auch heutige Vertreter der Hellseherzunft nur allzu gerne bedienen.

Wiebke Friese hat „Die Kunst vom Wahn- und Wahrsagen“ in der antiken Welt untersucht. Ihr Buch, das nun im Philipp von Zabern Verlag erschienen ist, zeichnet nicht nur den Aufstieg und Fall des legendären Delphi nach. Es gewährt darüber hinaus Einblicke in Orakelstätten, deren Bedeutung heute nur noch Eingeweihten bekannt ist. Klaros etwa, ein Areal an der Westküste der heutigen Türkei, ist längst versumpft. Frösche hüpfen umher; dort, wo sich einst Nero und Hadrian die Zukunft deuten ließen.

Der Seher Kalchas soll hier einst auf dem Rückweg aus Troja den Wettstreit seines Lebens verloren haben. Es ging um einen Feigenbaum und die Anzahl seiner Früchte. Kalchas schätzte daneben, Mopsos traf die Zahl bis auf die letzte Frucht genau. Und weil dem Unterlegenen einst für die erste Niederlage sein Tod prophezeit worden war, schämte sich dieser so gründlich, dass er noch an Ort und Stelle starb.

War es in Klaros der göttliche Apollon, der den Menschen am künftigen Geschehen teilhaben ließ, so wurden in Ephyra die Toten befragt. Der grausame Tyrann Periandros von Korinth nutzte diesen Umstand, um seine gerade erst verstorbene Gattin Melissa noch um eine kleine Auskunft in Sachen Haushalt zu bitten: Ob sie wohl wisse, wo er den hinterlassenen Pfand seines letzten Gastes hingelegt haben könnte? Die Befragte hatte andere Sorgen. Sie friere, lautete die Antwort: weil ihr Mann es vor ihrer Bestattung nicht einmal für nötig befunden hatte, die Leiche anzukleiden. Zudem möge er sich daran erinnern, dass er „die Brote in einen kalten Ofen geschoben“ habe. Bei Herodot steht zu lesen, was der Tyrann darunter verstehen durfte. Periandros, heißt es da, habe sich nämlich „mit der schon entseelten Melissa begattet“.

Die Römer, sonst eifrige Schüler der griechischen Kultur, mochten sich mit der Orakelei nicht anfreunden. Zu den hellseherisch veranlagten Etruskern etwa gelangte Seneca mit Hilfe eines Blitz-Gleichnisses zu einem bezeichnenden Urteil. „Wir (die Römer) meinen, es entstehen Blitze, weil die Wolken zusammenstoßen; jene aber glauben, die Wolken stoßen zusammen, damit Blitze entstehen.“ Doch auch im Osten gab es manche mehr hellsichtige denn hellseherische Geister, die laut über geschäftliche Motive des Orakelzirkus nachdachten – statt vor selbigem ehrfürchtig auf die Knie zu fallen.

Einem von ihnen, dem Satiriker Lukian haben wir die überaus unterhaltsamen Geschichten über den Hochstapler Alexander von Abonuteichos zu verdanken. Eine bizarre Symbiose aus Felix Krull, Tartuffe und Gert Postel offenbart sich, wenn Alexander im Heiligtum des Apollon Schrifttafeln vergräbt. In prähistorischem Stil gestaltete Dokumente, welche die baldige Ankunft des Gottes Asklepios in der Stadt verkünden, samt eines dazugehörigen Propheten.

Kaum liegen die Tafeln unter der Erde, werden sie – von Alexander geschickt eingefädelt – scheinbar zufällig wieder ausgebuddelt: von Einwohnern der Stadt am Schwarzen Meer. Die glauben, eine uralte Verkündigung gefunden zu haben und beginnen gleich mit dem Bau eines neuen Tempels. Da kommt auch schon der Prophet um die Ecke: Alexander selbst, „mit lang herabwallenden Haaren, Purpurkleid und Sichel in der Hand“. Mit großer Geste zaubert der Prophet ein zuvor präpariertes Ei hervor, aus dem – knack, knack – eine aus dem fernen Makedonien besorgte Schlange schlüpft: der neue Gott.

Und weil der Prophet in weiser Voraussicht auch schon eine eigene Kammer errichtet hat, kann es auch gleich losgehen mit der Sprechstunde. Bürger fragen, Schlangengott antwortet, was wörtlich zu verstehen ist. Denn mittels geheimer Schläuche schickt ein hinter der Kammer versteckter Komplize kluge Orakelsprüche ins Innere: Das Tier, so scheint es, spricht höchstselbst.

Es sind nicht nur großartige Geschichten wie diese, die das Buch so lesenswert erscheinen lassen. Vielmehr ist es die Symbiose aus ironischer Distanz und gleichzeitiger Nähe zum Gegenstand, die dem antiken „Wahn“ ein sehr heutiges Lektüreerlebnis abringt. Da bleibt die auffällige Häufung von Druckfehlern ein nur geringes Ärgernis.

Wiebke Friese: „Die Kunst vom Wahn- und Wahrsagen – Orakel-Heiligtümer in der antiken Welt“, Verlag Philipp von Zabern: Darmstadt/Mainz 2012; 144 Seiten; 24,99 Euro.

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