„Death is certain“ in der Schwankhalle

Ein Fall für den Obstschutzverein

Waffen für den Massenmord an Erdbeeren.
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Waffen für den Massenmord an Erdbeeren.

Bremen - Von Rolf Stein. Es duftet nach Erdbeeren im alten Saal der Schwankhalle. Erdbeeren? Waren nicht Kirschen angekündigt? Genauer: Eine Performance, in der vor Publikum Kirschen entleibt werden? Irina Müller, die Henkersfrau, klärt später am Abend auf: Kirschen waren einfach nicht zu kriegen um diese Jahreszeit. - Von Rolf Stein.

Dabei sind sie ideal für diesen Abend, weil sie Haut, Fleisch, Blut und Knochen symbolisieren. Erdbeeren sind nur zweite Wahl. In ganz schlimmen Zeiten habe sie auch schon Kirschtomaten für die Performance „Death is certain“ benutzt. Immerhin also gab es Erdbeeren. Die, 36 an der Zahl, binnen rund 45 Minuten mit kühler Präzision und in strikt festgelegter Reihenfolge gemeuchelt wurden. „Death is certain“ – der Tod ist sicher. Vielleicht das Sicherste überhaupt.

Es ist natürlich nur scheinbar paradox, dass wir vor dieser sichersten aller Gewissheiten am meisten Angst haben, denn sie negiert eben am gründlichsten alles, was an Bedürfnissen und Hoffnungen unsere Leben prägt. Eva Meyer-Keller, Wandlerin zwischen künstlerischen Welten, zwischen Tanz und Fotografie, zwischen bildender Kunst und Performance, hat diesen Abend ersonnen, den die Dramaturgin und Choreografin Irina Müller als Gastpiel im Rahmen des Theaterfestivals „Explosive!“ in der Schwankhalle zeigte.

Die Frucht an sich wird dabei zum Stellvertreter des menschlichen Leibes, was zum einen ein schlechtes Licht auf unsere Spezies wirft – denn immerhin sind die drei Dutzend Todesarten, die wir hier zu sehen bekommen, allesamt der menschlichen Kultur entnommen. Zum anderen erlaubt dieser konzeptionell bestechend konsequente, bei aller chirurgischen Präzision lustvoll spielerische Abend eine Annäherung an die letzte Grenze, ein bisschen vielleicht so, wie wir die große Welt gern in ihrer Hamburger Miniaturvariante zur Kenntnis nehmen.

Meyer-Kellers Hinrichtungspanorama ist aber deutlich sinnlicher. Der Erdbeerduft bei der Ankunft in der Halle wird noch verstärkt, als Müller eine Erdbeere durch die Parmesanreibe dreht. Oder eine andere häutet und salzt. Und richtig brenzlig wird es, wenn Müller, in weißer Schürze und ohne eine Miene zu verziehen, eine Erdbeere auf einen Scheiterhaufen aus Streichhölzern bettet, mit Brennspiritus übergießt und anzündet. Oder eine andere per Stromkabel elektrokutiert. Nicht ganz funktioniert das Selbstmordattentat im öffentlichen Raum: Eine Erdbeere mit Sprengstoffgürtel, vor der Tür ausgesetzt, überlebt. Da lächelt Müller dann doch leise.

Und das Publikum hat sowieso seinen Spaß, an der zitatgespickten Arbeit, in der wir James Bonds „Goldfinger“ sowie Thelma und Louise begegnen – und wohl auch Edgar Allan Poe, der die Furcht davor, lebendig begraben zu sein, besonders eindrücklich schilderte. Gut, dass es nur eine Erdbeere ist.

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