„Dazwischentreten“: Gruppenausstellung im Künstlerhaus Bremen

Wand sucht Bild

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Diese Fußabdrücke sind in Stein gemeißelt: „Rover (A New Balance)“ von Lucas Odahara im Künstlerhaus Bremen.

Bremen - Von Johannes Bruggaier. An eine weiße Wand, so viel steht fest in unserem Land, da muss was hin. Ein Fenster vielleicht, falls die baulichen Gegebenheiten das zulassen. Ein Schrank eventuell. Und wenn das nicht geht: Kunst! Was Schönes natürlich, woran man sich nicht so schnell satt sieht. Ein Pollock, ein Richter – oder aber James Rizzi. Auch wenn das dann natürlich nicht mehr Kunst ist. Das Verzweifeln an der leeren Fläche gehört zum Raumgefühl der Deutschen wie der Zwerg in den Garten.

Auch im Treppenhaus des Bremer Künstlerhauses ist jemand verzweifelt. „Scheiß Treppenhaus“ lautet das Werk von Matthias Ruthenberg. Es besteht aus reichlich nachlässig hingepappten Zettelchen. Darauf zu sehen: arg wackelige Bleistiftzeichnungen, mal bemüht, den Grundriss des Gebäudes zu treffen, mal am serpentinenförmigen Verlauf der Treppe orientiert. Sie hängen teils weit oben, teils ganz unten, nur ihnen auf Augenhöhe zu begegnen ist dem Betrachter nicht vergönnt. Kathrin Heinz, eine der Kuratorinnen, spricht bedeutungsschwer von „linienlastigen Auseinandersetzungen“, von „Grundrisspoesie“ und „Erweiterung des Raums“. Ruthenberg selbst merkt zaghaft an, man könne da auch eine „leicht humoristische“ Tendenz entdecken. In der Tat, aus dieser Perspektive möchte man die Bildchen am liebsten verstehen: als Absage ans „Unser Treppenhaus soll schöner werden“, als Hohngelächter auf die Versuche, selbst dem profansten Zweckbau noch so etwas wie eine ästhetische Relevanz abzuringen.

Es geht nicht nur um Räume in dieser Gruppenausstellung, sondern auch um deren Betreten, ums Hinein- und Herausgehen, um das „Dazwischentreten“, wie es im Titel heißt. Es geht aber auch um die Prozesse der Kunstproduktion, wobei Letzteres im Zusammenhang mit Ersterem steht: Ja, man braucht schon ein gehöriges Maß an Fantasie, um zu verstehen, was genau die beiden Initiatoren (neben dem Künstlerhaus das Mariann Steegmann Institut) eigentlich beabsichtigen.

Vielleicht kommt das Konzept noch am überzeugendsten bei Mia Unverzagt zum Vorschein. Ihr Atelier hat sie einfach verriegelt, kein „Dazwischentreten“ in ihr Reich. Stattdessen findet der Besucher einen Stapel Broschüren vor: ein Gewinnspiel für Kunstfreunde. Man kann einen Tag im Atelier gewinnen. Bedingung: Der Bewerber muss begründen, was zum Teufel er sich von diesem Aufenthalt verspricht. Romantische Klischees vom Künstleratelier als magischer Ort der Inspiration finden auf der Vorderseite der Teilnahmekarte in einer stilisierten Fotografie ihre ironische Brechung.

Ironisch geglückt scheint auch Franziska Kellers Pendant zu Ruthenbergs bewusst unbeholfenem Wandschmuck. Unter ein vom Architekten sagenhaft dämlich platziertes Fenster – weit oben, wo das meiste Licht von der klobigen Treppe geschluckt wird – hängt sie die Schiene eines Vorhangs an die nackte Wand. Statt des Stoffs allerdings hängt nur eine einsame Stange herab. Traurig fährt sie von links nach rechts und wieder zurück, angetrieben von einem leise summenden Motor.

Die Vorhangschiene ohne Vorhang, die bewegte Stange ohne Beweger und das Ganze auch noch unter dem Fenster statt darüber. Eine Menge Erwartungen an Kunst versammeln sich in diesem absurden Ding: von der Funktion als Wandbehang über die Hoffnung auf eine wie auch immer geartete „Nützlichkeit“ bis zum Glauben an magische Kräfte. Das alles muss sie können aus Sicht ihres Betrachters. Schafft sie das, darf sie ruhig auch leicht humoristisch sein.

Bis 10. Juli im Künstlerhaus Bremen, Am Deich 68-69. Öffnungszeiten: Fr.-So. 14-19 Uhr.

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