Musikfest-Intendant Thomas Albert über die Kürzungen der Zuschüsse und seine Erwartung an die neue Orgel-Reihe

„Das Vertrauen ist angeknackst“

„Wer kocht die Suppe neu?“: Thomas Albert sieht das Bremer Musikfest in der Volljährigkeit angekommen.

Von Ute Schalz-LaurenzeBREMEN (Eig. Ber.) · Heute beginnt auf dem Marktplatz das 21. Musikfest. Seit 21 Jahren ist in Bremen im September die Spitze neuester Interpretationen zu hören. Trotzdem gibt es einige Änderungen im Konzept, Änderungen in den Räumen, Änderungen in der Finanzierung und es gibt eine Vision von Musikfestintendant Thomas Albert. Im Gespräch mit unsererer Zeitung gibt er Auskunft.

?Das 21. Musikfest – wie fühlt sich das an?

!Endlich volljährig. Reifer. Selbstbewusster. Handlungsfähiger. Erwachsen? Die Vorstellungskaft ist gewachsen, die Imaginationen – wer kocht die Suppe neu?

?Sie haben gerade mit großem Erfolg Mozarts frühe Oper „La Betulia liberata“ im Dom mit Studenten einstudiert. Was hat das für Sie bedeutet – Sie sind ja wieder wochenlang praktisch tätig gewesen – und beeinflusst so etwas Ihre Programmplanungen?

!Ich bin mit dieser Einstudierung mal wieder anders sicht- und hörbar. Aber in der Akademie für Alte Musik in der Hochschule für Künste bin ich fast täglich da; unmittelbar an der Substanz. Die Urteilsfähigkeit wächst. Die pädagogische Beschäftigung ist für mich Schenkung, total – Motivation pur. Und mit einer solchen Arbeit werden die Kriterien wieder schärfer. Keine Bereitschaft zu Kompromissen, man wird perfektionistischer.

?In diesem Zusammenhang auch eine umgekehrte Frage: Sie sind Professor für Barockvioline an der Hochschule für Musik. Haben Ihre Erfahrungen als Organisator von Musik, als Intendant, Einfluss auf Ihren Unterricht und wenn, wie?

!Ich verlange Gründlichkeit und Qualität. Wenn Zweifel und Selbstzweifel da sind: analysieren, nicht beiseiteschieben. Neugier, Informationen: Wie spielen andere? Wir sind in dieser Stadt so gut aufgestellt, hier kann man ein großes und internationales Niveau studieren. Das Schlimmste ist Schlamperei mit der eigenen Zukunft.

?Es kommen immer wieder extrem junge Interpreten nach Bremen, letztes Jahr zum Beispiel Jérémie Rhorer mit „Le Cercle de l'Harmonie“. Jetzt fällt die Gruppe „Pygmalion“ auf oder auch „Spira Mirabilis“, die auch mit alternativen Präsentationskonzepten kommen. Wie muss man sich Ihre Suche nach solchen neuen Wundern vorstellen?

!Ganz einfach: Ohren auf – Sinne auf! Im Falle von Spira mirabilis – ich hatte einen Tipp bekommen – wusste ich nach zwei Minuten: Ich bin Zeuge eines unglaublichen Prozesses. Das ist die Kammerphilharmonie von morgen. Oder Rhorer: ein Tip aus Paris, seine Truppe spielt in einer kleinen Kirche – sofort bin ich da hingeflogen. So etwas habe ich noch nie gehört! Dasselbe ist mir mit Raphael Pichon und seinem Ensemble „Pygmalion“ passiert.

?Im diesjährigen Konzept fällt auf, dass es sozusagen zwei eigene Reihen innerhalb des gesamten Musikfests gibt: die siebenteilige Reihe mit den alten Orgeln Ostfrieslands und die sechs Konzerte „Surprise“ im BLG mit weitgehend „anderer“ Musik: Musik wie sie Kristjan Järvi macht. Wie kam es dazu?

!Die Klänge dieser Orgeln habe ich mit der Muttermilch eingesogen. Sie gehören zur Musik des 16. und 17. Jahrhunderts einfach dazu. Diese unerhörten Instrumente, die besten der Welt, standen immer zu sehr im Schatten. Sie sind das Symbol für die Metropolregion. Und das Musikfest ist die richtige Bühne für sie. Zu „Surprsie“: Es ist eine tolle Chance, die Überseestadt in den Fokus zu stellen, sie neu zu definieren, Bremens neue Neustadt, eine einmalige Gelegenheit! Das Orgelfestival soll ab sofort jedes Jahr stattfinden.

?Von 34 Konzerten sind nur 15 in Bremen und davon sechs in der Überseestadt. Was steckt dahinter? Sind andere Sponsoren zu gewinnen?

!Anders herum: Die Sponsoren engagieren sich besonders in Bremen, auch einige von außerhalb. Es geht nicht um mehr Kapazität, es geht um mehr Vielfalt.

?Es gibt einen Arp Schnittger-Orgelwettbewerb. Welche Größenordnung hat der?

!Aus zig Bewerbungen weltweit wurden zwölf Teilnehmer ausgewählt von zehn hochkarätigen Jurymitgliedern, die auch Konzerte spielen. Wir suchen eine außerordentliche Qualität für die Orgeln, weil die Instrumente über diese Qualität auch selbst verfügen. Abgesehen von den hohen Geldpreisen gibt es zum Beispiel über Stipendien die Möglichkeit, eine Woche in Cappel in der Kirchengemeinde zu leben und zu üben, einen Gottesdienst und ein Konzert zu spielen.

?Wie ist die Finanzierung? Es gibt ja Änderungen und Kürzungen seitens des Senats?

!Vor drei Jahren wurden wir von 882 000 auf 700 000 Euro gekürzt und ab 2011 noch einmal auf 550 000 Euro. Das ist vor allem auch für die Sponsoren eine Irritation, weil das Vertrauen angeknackst ist, sehr sogar.

?Der Gesamtetat?

!3,6 Millionen

?Wenn Sie gar keine Finanzkonzepte machen müssten, wenn alles möglich wäre, was wäre Ihr Traum?

!Eine Frage wie Weihnachten! Ich würde ein Haus bauen, das zu den Visionen dieser Stadt etwas beitragen könnte! Ein Zukunftshaus für kulturelles Erleben – kein Konzerthaus, keine Schubladen. Alle sollten da rein, es sollte in der Überseestadt stehen. Keine Stadt hat ein solches Haus.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Sechs Monate Audible inkl. Gratis-Hörbücher für monatlich 4,95 Euro statt 9,95 Euro

Sechs Monate Audible inkl. Gratis-Hörbücher für monatlich 4,95 Euro statt 9,95 Euro

Das sind die Minister und Ministerinnen der Ampel-Koalition

Das sind die Minister und Ministerinnen der Ampel-Koalition

iPhone 13 jetzt schon sichern – zu diesen Hammer-Konditionen

iPhone 13 jetzt schon sichern – zu diesen Hammer-Konditionen

Angela Merkel: die wichtigsten Momente ihrer Karriere

Angela Merkel: die wichtigsten Momente ihrer Karriere

Meistgelesene Artikel

Annäherung zwischen Holstein und Togo

Annäherung zwischen Holstein und Togo

Annäherung zwischen Holstein und Togo
Amazon Prime Video im Juli 2021: Diese Filme und Serien lohnen sich

Amazon Prime Video im Juli 2021: Diese Filme und Serien lohnen sich

Amazon Prime Video im Juli 2021: Diese Filme und Serien lohnen sich
„Uns gibt es die nächsten 100 Jahre“

„Uns gibt es die nächsten 100 Jahre“

„Uns gibt es die nächsten 100 Jahre“
Weserburg zeigt verzweifelte Hausfrauen

Weserburg zeigt verzweifelte Hausfrauen

Weserburg zeigt verzweifelte Hausfrauen

Kommentare