„Das gibts in keinem Russenfilm“: Thomas Brussig lässt die Wiedervereinigung ausfallen und mutiert in der späten DDR zum Rebellen

Aus Versehen Widerstandskämpfer

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Mediengruppe Kreiszeitung

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Irgendwann am Ende von Thomas Brussigs neuem Roman stößt der Held auf einen Fantasyroman von selten dämlicher Handlung. Da strömen im Sommer 1989 Bürger der DDR über Ungarn in den Westen, und niemand tut was dagegen. Das Politbüromitglied Schabowski verhaspelt sich in lächerlicher Weise auf einer Pressekonferenz, und wenige Stunden später fällt die Berliner Mauer – „so weit, so doof“. Die Wirklichkeit sieht natürlich anders aus: An einen Fall der Mauer ist seit ihrer Errichtung bis heute nicht zu denken, von einer Wiedervereinigung ganz zu schweigen. - Von Johannes Bruggaier.

Und doch tut sich etwas im Arbeiter- und Bauernstaat, seit dem Jahr 2000 dürfen DDR-Bürger im Westen arbeiten, sofern die Lohnsteuern in den Osten überwiesen werden. Die erneuerbaren Energien boomen, und mit den neuen Elektrogefährten befindet sich auch die Autoindustrie endlich im Aufwind. Ökonomisch Marktwirtschaft, politisch Diktatur: So lautet das Konzept für die Zukunft, nicht als Übergangsgesellschaft, sondern als dauerhaftes Modell. Davon profitieren vor allem die Künstler. Denn ohne die Reibung am SED-Staat ist das Schreiben ja kaum möglich.

Der Held, der sich über diesen Lauf der Dinge freut, heißt wie sein Schöpfer Thomas Brussig. Er ist bekannt geworden mit Romanen wie „Helden wie wir“, besonders aber durch ein Versprechen, zu dem er sich einst während einer Lesung hinreißen ließ: Er werde erst dann in den Westen reisen, ein Telefon besitzen und „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ lesen, wenn alle DDR-Bürger in den Genuss dieser Privilegien kommen. Ein Rebell also, ein literarischer Widerstandskämpfer, wie es sich für einen aufrechten Autor in einer Diktatur gehört.

Doch das ist keineswegs so selbstverständlich, wie es scheint. Denn Thomas Brussig ist eigentlich ein ziemlicher Hasenfuß, ein vertrottelter obendrein. Beim Militär stolpert er in die offensichtlichsten Fallen, muss sich vor versammelter Mannschaft die peinlichsten Stellen seines Tagebuchs vorlesen lassen, und als der Aufbau-Verlag seinen ersten literarischen Versuch tatsächlich drucken will, versteht er erst mal nur Bahnhof.

Der Rebell, das ist nicht ein todesmutiger Heros mit Sinn für den großen Auftritt. Es ist vielmehr der tollpatschige Duckmäuser wie Brussig, der wegen einer ausgeprägten Unfähigkeit zur Gesichtserkennung gar nicht merkt, dass der Mann, dem er da eben so unwirsch ein Autogramm verweigert hat, Günter Schabowski heißt und gleich mächtig Ärger machen wird. So stolpert er in seine Rebellenrolle hinein, ohne zu wissen, wie ihm geschieht.

Und solange er da stolpert, mag ihm der Leser mit großer Freude folgen. Seine Debakel in der Armee, seine unbeholfene Annäherung an eine selbstverliebte Autorenszene, seine schrägen Erfahrungen mit der Stasi – es sind großartige Momente darunter. Momente, die allesamt keineswegs beliebig gestreut erscheinen, sondern auf eine zentrale Frage abzielen: Schadet Freiheit der Kunst mehr, als sie ihr nützt?

Doch während man gespannt den möglichen Antworten entgegensieht, gerät dem Autor diese Frage zusehends aus dem Blick. Bald geht es nicht mehr um Freiheit und Kunst, sondern um schlichte Was-wäre-wenn-Spielchen: Die Pointen reduzieren sich darauf, dass die mangels Mauerfall verhinderte Bundeskanzlerin in ihrem zweiten Leben als Protokollführerin an der Bowlingbahn steht. Oder dass im DDR-Fernsehen eine Nachrichtensprecherin namens Sarah Wagenknecht arbeitet.

So versandet die originelle Idee nach einem furiosen Beginn seltsam fad im Gedankenspiel. Dabei verspräche die Frage nach dem Verhältnis von Kunst und Freiheit gerade in Zeiten der Terrorangst manche interessante Erkenntnis. Vielleicht ein andermal.

Thomas Brussig: „Das gibts in keinem Russenfilm“, Roman, S. Fischer Verlag: Frankfurt/M. 2015; 384 Seiten; 19,99 Euro.

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