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„Elbjazz“-Festival zieht Massen zu Elphi und Werft

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Von: Ulla Heyne

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Eines der Zelte beim „Elbjazz“-Festival.
Beim „Elbjazz“-Festival ist auch die Kulisse ein Star. © Heyne, Ulla

Endlich wieder Jazz - zumindest für das „Elbjazz“-Festival eine durchaus wahre Aussage. Nach zwei Jahren Zwangspause war in der Elphi und der Blohm-und-Voss-Werft an zwei Tagen wieder Musik zu hören. Eine Einladung, der 24000 Zuschauer nicht widerstehen konnten.

Hamburg – Jazz oder nie – das mochten sich die Veranstalter des zehnten „Elbjazz“ gedacht haben. Nach zwei Jahren Präsenzpause (zählt man die reine Online-Ausgabe 2021 nicht mit) wurde an den beiden Veranstaltungsorten in und um die Elphi sowie in der Blohm-und-Voss-Werft wieder gejazzt, wenn auch in etwas abgespeckter Form. Vergangene Spielstätten wie kleine Elphi, Barkasse oder Schiffsrumpf fehlten – aber wer würde sich angesichts von 44 Gigs an zwei Tagen auf sechs Bühnen schon beschweren wollen?

Die Zeiten für das Veranstalter-Tandem aus Karsten Jahnke und FKP Scorpio sind ohnehin unsicher genug, ließen sich die Festivalambitionen des zum guten Teil gereiften Publikums doch nicht vorhersehen. Immerhin: Nach einem eher zögerlichen Vorverkauf war das Musikereignis am Ende mit 24 000 Zuschauern an zwei perfekten Sommertagen dann doch nahezu ausverkauft. Buchungstechnisch hatte man auf Nummer sicher gesetzt und sich allerlei konsensfähigen Mainstream an Bord geholt: Jazzanova aus Deutschland mit lässigem vokalem Souljazz vom Wahl-Berliner DJ Amir aus New York, gefühliger Britsoul von Myles Sanko oder Fusion-Funk vom Hamburger Schlagzeuger Silvan Strauss, der sich mit dem Konzert seiner Band Toytoy und der NDR Bigband für den Hamburger Jazzpreis 2021 bedankte. Und natürlich Publikumsliebling Melody Gardot, zu deren breitem stilistischen Querschnitt austernschlürfende Anzugträger neben Alt-Jazzern im Ringelshirt mit der unvermeidlichen Schiebermütze an Bierzeltgarnituren in die untergehende Sonne träumten.

Puristen zieht es in die Schiffbauhalle

Puristen fanden in der Schiffbauhalle einen Gegenpol: Unaufgeregt und unglaublich spielfreudig agierte der junge Pianist Simon Oslender, kongenial unterstützt von den beiden Jazzveteranen Will Lee und Wolfgang Haffner (Ex-„Passport“). Zwischen klassischem Klaviertrio und elektrischem Klangblasen verortet, seufzte so mancher Besucher „endlich richtiger Jazz“. Ähnlich synthielastig: Bobby Rausch – mit Bassklarinette, Barisax, Drums und einem Koffer voller Effekte eine der wohl coolsten Besetzungen des ersten Abends – abgesehen natürlich vom Norweger Matthias Eick in der Elphi.

Überhaupt: Tanzbar ging es zu an diesem Wochenende, ob bei der „Space Disco“ der Mauskovic Dance Band, einem Spaßprojekt mit psychedelischen Soundeffekten, oder Yin Yin aus den Niederlanden, die lustvoll Disco-Beats mit Retro-Boogie mixen. Und auch einige Überraschungen waren im programmatischen Potpourri zwischen Swing, Funk und Soul über Hip-Hop, Vocal-, Piano- und Fusion-Jazz, Pop oder Folk zu finden: Etwa Thomas D., einer der „Fanta-4“-Rapper, der seine geschraubten Verse über die trocken-funkigen Beats der relativ unbekannten Lokalmatadoren „The KBCS“ rotzte und damit auch die jüngeren im sonst eher gesetzten Publikum verzückte.

Thomas D. bei seinem Auftritt auf dem Festival.
Auch Thomas D. von den Fantastischen Vier zählte zum Line-Up. © Heyne

Hauptakteur des Festivals ist jedoch nach wie vor die grandiose und stimmig in Szene gesetzte Kulisse der Blohm-und-Voss-Werft. Dort setzte auch der Altmeister des Jazzrock, John Mc Laughlan, Glanzpunkte in punkto Virtuosität und Spielfreude, die seinen 80 Lenzen trotzten. Dort, wo in einer der vorherigen Ausgaben noch die Queen Mary im Hintergrund prangte, ist jetzt eine eingerüstete und verhüllte Oligarchen-Yacht zu sehen. Die Zeiten ändern sich eben. Und auch vor der Bühne machte das Weltgeschehen nicht halt – und das ist gut so, etwa bei der ukrainischen Künstlerin Leleka, nach dem letzten Stopp im hohen Norden bei der „Jazzahead“ war sie am Freitag in der Hauptkirche St. Katharinen zu erleben.

Auch Sängerin Severija zollte bei ihrem Auftritt mit dem Moka Efti Orchestra auf Ukrainisch dem Volk im Krieg Tribut. Mit seinem explosiven Bigband-Sound der 20er-Jahre lieferte das ursprünglich für den Soundtrack zu „Babylon Berlin“ gegründete Ensemble mit dem Tanz auf dem Vulkan des damaligen Zeitgeistes einen fulminanten Abschluss des ersten Tages zwischen Docks und Kränen. Zum Schluss gehörten dann die letzten Töne Nils Landgren unter der schillernden Diskokugel am Kran – einiges bleibt dann eben doch beim Alten.

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