„Das Anadigiding“: Rainald Grebe durchleuchtet in Hannover unseren digitalen Alltag

FDP? LOL!

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Rainald Grebe stockt der Atem: Selbst Vorstrafen und Schufa-Anfragen lassen sich per Handy-Auswertung ermitteln.

Hannover - Von Jörg Worat. Höchst merkwürdig: Im Foyer des Schauspielhauses hängen Zettel mit der Bitte, die Handys unbedingt anzulassen und auf maximale Lautstärke zu stellen. Zudem liegen Listen aus, in denen man die Nummer seines Mobiltelefons angeben soll, da es sich im Folgenden um eine „interaktive Vorstellung“ handle.

Nichts hat unser Leben so sehr verändert wie die digitale Revolution – das ist jedenfalls die Überzeugung von Rainald Grebe. Und deswegen hat der Schauspieler, Comedian und Liedermacher zu diesem Thema ein auf drei Jahre angelegtes Projekt angeschoben, dessen erster Teil „Das Anadigiding“ nun seine Premiere erlebte.

Grebe eröffnete ihn locker-flockig mit allerlei Geplauder, wies zu Recht darauf hin, dass sich die Analog- und Digital-Generation beträchtlich voneinander unterscheiden, und erfragte beiläufig den einen oder anderen Besuchernamen nebst Wohnort. Stellte den Musiker Jens-Karsten Stoll vor, der „noch an Spinett und Hammerklavier“ gelernt habe, nun aber selbstredend elektronisches Instrumentarium zum Klingen bringen würde. Und forderte, zu diesem Zeitpunkt etwas überraschend, harsch die Abschaltung sämtlicher Handys im Publikum.

Auftakt zu einer Art Nummernrevue der sehr gemischten Art. Da outete sich Grebe in groovigen Songs mal als Multitasker, mal als Relikt des 20. Jahrhunderts und bewies ein sicheres Händchen für angeschrägte Hits. Sarah Franke, Henning Hartmann und Hagen Oechel aus dem hannoverschen Schauspiel-Ensemble beschworen eine Zeit mit so vorsintflutlichen Geräten wie Super-8-Kameras oder Registrierkassen, spielten eine Telefonzellen-Szene komplett mit Münzenreiben und Lüftungspausen wegen Uringeruchs nach.

Franke unternahm zudem eine Reise in die Kindheit und demonstrierte, wie sie einst eigene Hörspiele meist sehr ähnlichen Inhalts erstellt hatte, natürlich mittels Kassettenrekorder. Der kleinwüchsige Klaus-Dieter Werner wiederum erläuterte menschliche Dioramen und verkörperte selbst unter anderem den berühmten Schachtürken des Barons von Kempelen. Oder die komplette Bühnentechnik drehte auf einmal durch, damit auch der letzte verstand, was passiert, wenn man sich heutzutage nur noch auf die Maschinen verlässt. Immerhin prophezeite Grebe ja auch dem Souffleur, dass dieser bald durch einen Computer ersetzt werde.

Das wirkte soweit alles ziemlich nostalgisch, streckenweise durchaus charmant, punktuell zündend, immer wieder aber auch ein wenig läppisch. Doch da waren ja noch vier Damen und Herren vom hannoverschen „Chaos Computer Club“, und es erwies sich, dass die eingangs erhobenen Daten eigentlich ihnen zugedacht waren. Hinter der Bühne machten sich die Spezialisten daran zu erkunden, was man mit entsprechendem Know-How alles auf der Grundlage von vermeintlich unverfänglichen Angaben herausbekommen kann. Und so kam an einem zuweilen vielleicht etwas gar zu ulkigen Abend doch noch echte Tiefenwirkung ins Spiel.

Ständig flimmerten fortan auf einer Anzeige am Bühnenrand Sitzplatz- und anonymisierte, aber für den Inhaber sicherlich identifizierbare Handynummern entlang, ordneten den dazugehörigen Personen in den leichtesten Fällen Hamburgbesuche oder Payback-Punkte zu, in den mittelschweren die gewählten Parteien – wobei die Entscheidung für die FDP mit einem hämischen „LOL!“ (im Internet gebräuchliches Akronym für „Laughing out loud“) kommentiert wurde. Und endgültig ungemütliche Formen nahm die Sache an, wenn es um Vorstrafen, Schufa-Anfragen oder Konto-PINs ging.

Natürlich hätte das alles ein großer Fake sein können, doch was wäre der Witz daran? Und am Schluss wurde eine Besucherin live auf der Bühne darüber informiert, welche Daten die Computerfreaks im Laufe der Vorstellung über sie herausgefunden hatten, unter anderem die Bankverbindung und eine Bestellung vom Vortag bei einem bestimmten Versandhaus – um ein Paar rote Schuhe sei es dabei gegangen. Für den Schock gab’s dann auch einen Preis, hatte Grebe doch seine anfängliche Fragestunde durchaus zu Recht als „Gewinnspiel“ bezeichnet: Die Besucherin erhielt eine Einladung zu einer professionellen Verschlüsselungs-Beratung.

Kommende Vorstellungen: am 10., 11., 12. und 15. Juli, jeweils um 19.30 Uhr im Schauspielhaus Hannover.

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