Eveline van Duyls „Denkinseln“ im Bremer Gerhard-Marcks-Haus

Es darf gedacht werden

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Eveline van Duyl zusammen mit Desiderius Erasmus und Jean-Paul Sartre (r.) im Bremer Marcks-Haus. ·

Bremen - Von Rainer BeßlingEine weit verbreitete Haltung vor den Büsten berühmter Persönlichkeiten: Achtung, Bewunderung, Verehrung oder Respekt, je nach Wissen des Betrachters um Persönlichkeit und Leistung der Dargestellten.

Ganz anders vor den Philosophenporträts der Niederländerin Eveline van Duyl im Bremer Gerhard-Marcks-Haus. Weder Marmor noch Bronze lassen das Publikum im Angesicht der Meisterdenker stramm stehen. Vielmehr bringt ein schräger, bunter Materialmix das Publikum eher zum Schmunzeln.

Garnrollen und Dachpappe bilden das Perücken bewehrte Haupt Voltaires nach. Das streng durchfurchte Haupt des Thomas von Aquin ist aus Holz und Leder geformt. Einen zerklüfteten, bärbeißigen Nietzsche lässt van Duyl aus Pferdehaar und Holzstückchen entstehen und mit tiefschwarzen aufgerissen Augen in die Welt blicken. Das Haupt Martin Heideggers kippt von Blei und Stahlwolle reich beschwert zur Seite. Wer mal Zeilen des Sein und Zeit begriffsscharf durchpflügenden Philosophen gelesen hat, könnte von vergleichbarer Kopfneigung überwältigt worden sein. Fast transparent, in strahlend weißer Aufklärungshelle dagegen die Büste Kants. Wittgensteins kariertes Hemd soll wohl die strenge Logik seines Denkens illustrieren. Schopenhauers lila Haare stehen für die giftige Sprache und den Frauenhass des Philosophen, wie die Künstlerin erläutert.

„Denkinseln“ nennt die niederländische Künstlerin ihre plastischen Bildnisse. Einerseits kann sie sich aus dem Kontext von bildungsbewusster Erinnerungskultur oder Verehrungskult nicht ganz verabschieden. Zugleich aber versucht sie, einen anderen, unverkrampften und ehrfurchtfreien Umgang mit den Repräsentanten höherer Kopfarbeit zu inszenieren. Sie sockelt die Geisteshelden auf Bügelbrettern auf und will sie damit wohl greifbarer und alltagstauglich präsentieren. Das Denken, das aus diesen Köpfen entsprungen ist, wird dadurch freilich noch nicht griffiger. Es bleibt wohl erst einmal dabei: Die Attribute, die van Duyl ihren Figuren anheftet, verstehen alle die besser, denen Namen wie Hannah Arendt oder René Descartes und am besten noch das Denken dahinter nicht ganz unbekannt sind.

Das Marcks-Haus setzt und vertraut aber auf den Unterhaltungs- und Einladungseffekt der Skulpturen und erwartet, dass sich auch Besucherkreise angesprochen fühlen, bei denen weder Kunst noch Philosophie zum täglichen Leben gehören. Marcks-Haus-Direktor Artie Hartog schildert in seinem Katalogbeitrag die Reaktion des Publikums auf eine frühere Präsentation der „Denkinseln“: Nicht ein „Wer ist das?“ oder ein verschämtes „Den kenne ich nicht!“ habe er gehört, sondern ein „Schau mal hier!“.

Beachtung, Wahrnehmung, Anschauung können Aussteller gewiss schon als ein Plus abbuchen angesichts der allgemeinen Konkurrenz visueller Angebote. Stofflichkeit schaffe eine unmittelbare Wirkung, Übertreibung mit der Tendenz zur Karikatur sei der zeitgemäße Zündstoff, der Fragen und Gespräche entfachen könne, schreibt Hartog weiter. Mit Strategien, wie Eveline van Duyl, sie verfolgt, könne man sich von der reinen Eventkultur abheben und das „eigensinnige Subjekt“ erreichen, das sich in allen Bevölkerungskreisen finden lasse und nur darauf warte, mit Augenfutter, Denkkost und Debattenstoff beliefert zu werden.

Die aktuelle Ausstellung scheint für die Marcks-Haus-Kuratoren mithin so etwas wie ein Paradebeispiel für die viel beschworenen niederschwelligen musealen Angebote zu sein: Infotainment ohne Substanzverlust. Die Werke Eveline van Duyls können Denken nicht darstellen und stoßen auch beim Porträtieren von Denkern an Grenzen. Sie spielen aber mit Verwandtschaften von Kunst und Philosophie, der Öffnung und Offenheit zum Beispiel, dem Anspruch, nicht Wissen zu vermitteln, sondern neugierig zu machen auf Ableitungen, Widersprüche, Schlussfolgerungen und Zusammenhänge.

Die Künstlerin pflegt eine fröhliche Wissenschaft und rückt Erkenntniserwerb in die Nähe ästhetischer Wahrnehmung, die sich im Zusammenwirken von Körper, Gefühlen. Gedanken und Interessen vollzieht. Vielleicht schafft es das Ausstellungsprojekt ja mit seiner offensiven Anschaulichkeit, aus dem Zirkel auszubrechen, dass Wissen nur Wissende erreicht. Ein umfangreiches Begleitprogramm steht all denen zur Verfügung, die dem Ruf der Ausstellung folgen wollen: „... es darf gedacht werden“.

Gerhard-Marcks-Haus, Bremen, Am Wall. 3. März bis 2. Juni. Geöffnet Di und Mi 10-18 Uhr, Do 10-21 Uhr. Eintritt: 5 Euro.

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