Alle Macht der Bühne? Zum Abschluss des Pazz-Festivals zeigt sich die Performance-Szene von ihrer arroganten Seite

Dann lieber schlechter Verlierer sein

Problematisches Theaterverständnis: Malte Scholz in „Woyzeck“.

Von Johannes BruggaierOLDENBURG (Eig. Ber.) · Kunst darf nicht alles, und die Regeln des zivilisierten Miteinanders gelten natürlich auch auf der Bühne.

Betrug, Beleidigung oder Mord und Totschlag: Im Theater ist das alles nur solange erlaubt, wie es ein Spiel bleibt. Wer die gemeinsame Verabredung zum So-tun-als-ob absichtlich unterläuft, muss sicherstellen, dass daran niemand Schaden nimmt. Vielleicht besteht in dieser Gratwanderung die eigentliche Leistung dokumentarisch orientierter Performancekünstler wie Rimini Protokoll und Gob Squad. Regisseur Boris Nikitin hat im Rahmen des Oldenburger Pazz-Festivals gezeigt, wie es nicht geht.

Was ist geschehen? „Woyzeck“ heißt die Produktion in der Exerzierhalle. Eine in dem, was man „Fachkreise“ nennt, viel gelobte „Philosophie-Performance“ zu Georg Büchners Dramenfragment. Ihr voraus geht eine Einführung durch Akteur Malte Scholz in Schlabberpullover. Es ist ein auf Wissenschaftlichkeit gebürsteter, eilig heruntergehaspelter Phrasenschwall, dessen hochfliegende Thesen in einem rührenden Missverhältnis zur sprachlichen Realisierung – „eben halt, irgendwie“ – stehen. Hier spricht ein Germanistikstudent, der gern der neue Foucault wäre.

Bald wird ein leises Geräusch aus den Boxen erahnbar. In sanftem Crescendo steigert es sich zum Dröhnen, während sich die Bühne allmählich verdunkelt: Die vermeintliche Einführung entpuppt sich als Teil der Performance. Was folgt, sind symbolisch aufgeladene Handlungen. Der Schlabberstudent bedient eine Nebelmaschine, blendet sich mit einem Bühnenscheinwerfer, hört Radio über Kopfhörer. Man ist bemüht, all das in Verbindung zu bringen mit dem rudimentären Phrasenmaterial, das es vom Vortragsschwall ins Kurzzeitgedächtnis geschafft hat. Von der Möglichkeit des geistigen Eigentums war da die Rede und davon, ob wir für unser Tun überhaupt verantwortlich sind. Alles keine abwegigen Gedanken. Büchners Fatalismus-Brief und „Dantons Tod“ kommen einem in den Sinn: die Frage, was das ist, „was in uns hurt, stiehlt, lügt und mordet“. In „Woyzeck“ ließe sich die Frage erweitern: Was ist das, was in uns denkt? Ansätze einer Antwort versinken bei Nikitin und Scholz im Nebel.

Dann, nach 50 Minuten, ist es vorbei. Scholz tritt nach vorne, flüstert „Danke“, das Licht geht an, und Dramaturg Matthias Grön bittet zum Publikumsgespräch. Drei Stühle werden aufgestellt, Grön, Regisseur Nikitin und Scholz nehmen Platz. Wie hat es Ihnen gefallen? Seien Sie ruhig kritisch! Wir wollen von Ihnen lernen!

Also gut: Der Redeschwall war rhetorisch mangelhaft, die szenische Umsetzung diffus, statt einer Entwicklung lediglich eine Handvoll Regie-Gags zu verzeichnen. Der Gescholtene auf der Bühne nickt interessiert, stellt eine knappe Rückfrage, man antwortet. Dann – was ist denn jetzt los? – kehrt plötzlich dieses Dröhnen zurück. Es wird wieder dunkel, die drei da vorne klappen ihre Stühle zusammen. Nikitin und Grön verschwinden, Scholz schreitet zum Ghettoblaster, setzt sich den Kopfhörer auf, spricht laut mit zwangsläufig höhnischer Intention einen Mitschnitt des Gesprächs nach: „Ja, also ich finde, dass dieser Redeschwall rhetorisch mangelhaft war…“

Wahrscheinlich soll man sich jetzt wieder einmal Gedanken über die Grenzen von Illusion und Realität machen, ob nicht auch das Gespräch über Kunst zur Kunst selbst gehört und so weiter. Wahrscheinlich gilt als humorlos und schlechter Verlierer, wer sich diesem Spiel verweigert. Und wahrscheinlich ist derjenige dann erst recht in die Falle getappt.

Tatsächlich bleibt bloß Verärgerung. Über die Täuschung durch ein Team, das seine Bühnenmacht missbraucht. Nicht auszudenken, was wäre, wenn es sich bei dem kritischen Gast um eine labile Persönlichkeit handelte: einen schüchternen Besucher, der unter Herzrasen eine öffentliche Äußerung wagt. Provoziert durch perfide Ermunterung. Im Vertrauen, der Gesprächspartner begegne ihm auf Augenhöhe. Und dann: die Instrumentalisierung für die Bühne.

Aber vermutlich darf Kunst das. Wenn man es nur mit den passenden Phrasen begründet.

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