In der „Jazz Today“-Reihe der Glocke trafen Gitarren-Newcomer Julian Lage und Sängerin Ulita Knaus aufeinander

Dann doch lieber Jazz früher

Julian Lage

Bremen - Von Tim Schomacker(Eig. Ber.) · Auch hübsches Ambilight verwandelt den großen Glockensaal nicht in einen Jazzkeller in, sagen wir: Boston. Was ein Problem sein kann, verlangen manche Formationen doch nach derlei beengter Atmosphäre.

Im Kreis ganz in der Bühnenmitte kauert sich ein Quartett aus Cello und Bass, Saxophon und Perkussion zusammen, um den 22-jährigen Bay-Area-Gitarristen Julian Lage in die Mitte zu nehmen.

Dessen Saitenarbeit wurzelt deutlich in Bluegrass und alten Bluesformen, dazu kommen gelegentliche Rückgriffe in die Reinhardt-Kiste oder – leider zu selten – gen karg-besessener Free-Rock-Einsprengsel. Wie bei einer hochkomplexen aber mechanischen Spieldosenapparatur ist immer was los bei Lages Quintett, das zu drei Fünfteln lateinamerikanische Wurzeln hat. Melodiöse wie rhythmische Patterns werden herumgereicht, maschinengleich knatternde Bluegrass-Picks erreichen ein Saxofon, werden zum Spätbopkurzsolo umgedeutet, derweil der Cellobogen den Offbeat des schunkelnden Wechselbass betont. Immer wieder übernehmen zwei Instrumente unisono die Grundstimmung dieser Songs, die voller rhythmischer Akzente sind – und sich leider zu selten die zurückgelehnt-frohgemute Monotonie gönnen, wie man sie von staubigen Americana-Bands wie Calexico kennt. Hier ist die Lage-Spieluhr ein wenig überdreht.

Dabei zeigt die doppelte Streichergrundierung gelegentlich, dass das Quintett auch gut auf Atmoshäre und Fläche spielen kann. Und nicht nur auf Geschwindigkeit und Dauerwechsel. Dass sie letzteres können, haben sie mit dem Material von Lages Leader-Debüt „Sounding Point“ bewiesen. Gelingt es dem Quintett, sich nun ein wenig zurückzulehnen und zu vergessen, dass es eine Jazzband ist, könnte irgendwann so etwas wie der kleine, kammerakustische Bruder der Loungs Lizards dabei herauskommen. Und die waren ja auch eine Clubband. Mit einem angenehm rumpelnden „L’il Darlin’“ des Batman-Komponisten Neil Hefti oder dem gefühlten Banjostück „Greylighting“ ist ein Anfang gemacht.

Apropos Club. Eine Jazzsängerin mit Triobegleitung ist immer nur zur Hälfte Sängerin. Die andere Hälfte ist Präsenz. Ohne Instrument in der Hand, ist die Rolle am Bühnenrand immer eine exponierte. Die Entertainer/innen-Tradition tut ihr übriges. „A lifetime ago, we were so young“, singt die Hamburgerin Ulita Knaus ein wenig verloren. Und jung ist diese Spezialdisziplin eben gerade nicht.

Im zweiten Set des Doppelabends, das bis zum abschließenden Schlagzeugsolo nahezu ohne einen Überraschungsmoment auskommt, präsentiert Knaus’ Quartett vor allem an Soul-Hymnen und R&B-Linien angelehnte Songs. Dass diese Musik, auch textlich, nicht ohne Finesse und Belang auskommen muss, haben viele von Knaus’ Referenzsängerinnen und ihre Komponisten deutlicher vor Augen gehabt. Sie habe mal einen Mann gekannt, nun ja: haucht Ulita Knaus stückvorbereitend ins Mikrophon, der habe gern aktive Vulkane beklettert: „gefährlich, aber auch verführerisch.“ Um dann mit „Too Hot to Ignore“ ein Stück Stangenmusik abzuliefern, dessen Look ungefähr so verführerisch und verrucht ist wie ein Schokoladeohneschokoladewerbespot.

Sie denken jetzt bestimmt: Klar, eine Sängerin. Die muss unbedingt sexy sein. Männer… Muss sie nicht. Sie muss nur gut singen. Vielleicht nicht einmal das, spannend würde auch reichen. Zwängt man sich aber selbst in ein atmosphärisches Korsett, muss man sich daran messen lassen. Immerhin deuten Mischa Schumanns hübsch gestocktes Klavierinterludium in „Places to Be“ und die vage an Bacharach erinnernde Popkonsistenz von „Blue and Me“ etwas an, was über liebloses Formaterfüllen hinausgeht. Immerhin stimmt hier mal die Balance zwischen Stimme und Begleittrio, das sich zuvor klanglich stets drübergeschoben hatte. Singend agiert Knaus eigenartig unentschieden zwischen rauchigem und klarem Grundsound, scheint gelegentlich dem eigentlich ganz flink gesetzten Wortstakkato hinterher zu hechten.

Machen wir’s kurz: Ist dies „Jazz Today“, wie die Reihe von Konzertdoppeln überschrieben ist, höre ich lieber Jazz früher.

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