Daniel Hope spielt Vivaldis „Jahreszeiten“ – inklusiver neuer Version

Überflüssige Frischekur

Eigentlich ist Vivaldi ziemlich abgenudelt, aber bei Daniel Hope klingt er so frisch und spontan, als wäre er zum ersten Mal zu hören.
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Eigentlich ist Vivaldi ziemlich abgenudelt, aber bei Daniel Hope klingt er so frisch und spontan, als wäre er zum ersten Mal zu hören.

Bremen - Von Ute Schalz-Laurenze. Der 42-jährige britische Geiger Daniel Hope ist zu Recht weltberühmt: Mit grenzenloser Klangvariabilität kann er in emotionale Bereiche vorstoßen, die ihresgleichen suchen und die nicht vielen Geigern zugänglich sind. Gleichzeitig ist er unermüdlich tätig in der Vermittlung der Gleichwertigkeit unterschiedlicher Musikstile. Sechsmal der Echo-Klassik, der europäische Kulturpreis 2015 und die Nachfolge von Roger Norrington als Leiter des Zürcher Kammerorchesters sind nur einige der verdienten Folgen seiner Persönlichkeit. In seinem gut besuchten Konzert in der Bremer Glocke lieferte er nun einen erneuten Beweis seines beglückenden Könnens. Kaum zu glauben, dass es ihm gelang, Antonio Vivaldis oft abgenudelte Violinkonzerte „Die Jahreszeiten“ in einer Frische und Spontaneität zu spielen, als höre man das berühmte Werk zum ersten Mal. Die Bilder der dazugehörigen Sonette, die er vorher rezitierte, erstanden in fast greifbarer Realität: so die glühende Hitze des Sommers, das Ausrutschen auf dem Eis, die bellenden Hunde, das fliehende Wild und vieles mehr. Das kann man kaum besser machen, mit welcher tastenden Suche sich Hope auf den Weg in die Klangfarben aufmacht. Oder wie besessen er den erregten und wilden Zugriff spielt: die exlosive Freude des Frühlings oder die aggressiven Attacken der Jäger. Manchmal ist seine Intonation gefährdet, aber das klingt fast absichtlich, weil er es versteht, die Musik sozusagen im Spielen zu suchen. - Von Ute Schalz-Laurenze.

Beste Partnerschaft hatte er da mit dem 2004 gegründeten Orchester „L‘Arte del Mondo“, das ebenfalls alles bis zum bruitistischen Krach an unerhört homogenen Klangcharakteristiken zauberte: Dass diese 15 Musiker namentlich nicht genannt wurden, nicht einmal der Dirigent, ist unmöglich.

Nach der Pause gab es dann „Vivaldi recomposed“ des britischen Komponisten Max Richter. Richters Motiv ist ehrenwert: angesichts der Dauerpräsenz des Werkes in Kaufhäusern, Tiefgaragen und ähnlichem sieht er die überragende Qualität der Komposition angegriffen und verletzt, und suchte einen neuen Zugang. Wer aber nun glaubt, eine zeitgenössische Auseinandersetzung mit Vivaldi zu hören, der sieht sich getäuscht.

Mit großem Respekt vor dem Werk malt Richter das alles nur ein bisschen anders: dieselbe Streicherbesetzung – dazu Harfe und Verstärkung – baut wiederholt riesige Crescendi, auf denen dann Hope Teile des Parts in einer Endlosschleife zelebriert: „Geschwister aus der gleichen Familie“ nannte der Musiker die beiden Werke. „Frischekur“ für Vivaldi: der Abend bewies eindrucksvoll, dass Vivaldi genau das in keiner Weise braucht. So bleibt das neue Stück eine gut unterhaltsame Freude, die das Publikum durch das verebbende pianissimo am Schluss auch nachdenklich hinterlässt.

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