„Sweeney Todd“ fehlt in Oldenburg der letzte Biss

Dämonisches Spiel

Oben wird frisiert, unten frittiert: Friederike Hansmeier, Melanie Lang, Tomasz Wija und Stephen Foster (v.l.). - Foto Stephan Walzl

Oldenburg - Von Corinna Laubach. London, 1846. Benjamin Barker kehrt als Sweeney Todd nach einer Verbannung in seine Heimat zurück. Er soll in die Annalen als „teuflischer Barbier aus der Fleet Street“ eingehen. Wer ihm unter die Klinge kommt, der segnet das Zeitliche. Während das Morden zur Routine und zum lukrativen Geschäftszweig für die Pastetenbäckerei von Nellie Lovett wird, bleibt sein eigentliches Ziel Richter Turpin. Der hatte ihm einst dies Schicksal bestellt, um so hinterlistig an Barkers Frau zu kommen. Die Rache lodert in Barker/Todd.

Die Tragödie spitzt sich in diesem dämonischen Spiel unaufhaltsam zu. Barker/Todd (Tomasz Wija), ein Mann, der der Willkür und Macht des Richters ausgesetzt war und alles verlor: seine Frau, seine Tochter, seinen Beruf, seine Heimat. Obwohl er ein grauensamer Massenmörder ist, der ohne zu zögern seiner Klientel die Kehle durchtrennt, hat man Mitleid mit diesem Mann. Was genau ihn jedoch motiviert, nicht nur seinen Erzfeind Turpin (Stephen Foster) umzubringen, bleibt im Dunkeln. Wahllos spritzt das Blut und blinkt die silberne Klinge. Dabei scheint der äußerlich ruhige Mann zu keinerlei Gewalt zu neigen. Ein fataler Irrtum.

Nellie Lovett (Melanie Lang), die ihre schlecht laufende Pastetenbäckerei direkt unter seinem kargen Salon hat, erkennt Todd als Barker und versucht ihn für sich zu gewinnen. Offenherzig und großzügig sieht sie über alle Gräueltaten hinweg und erkennt geschäftstüchtig gar einen Mehrwert an einer Liaison. Fleisch ist Mangelware – warum also das begehrte Gut nicht via Todd beschaffen und zu köstlichen Pasteten verarbeiten? Die Gewinnaussichten sind größer als die Skrupel. Und so findet man sich zu Beginn des zweiten Aktes in einer florierenden Bäckerei wieder, in der der Fleischnachschub via Rutschbahn aus dem Obergeschoss direkt zum Ofen transportiert wird. Das ist situativ urkomisch und doch bleibt einem das Lachen im Halse stecken, während die Londoner Gesellschaft beherzt in die Pasteten beißt.

In dieser tiefdüsteren, eher an eine Operette als an ein Musical erinnernde Gruselgeschichte steht die Rache Sweeney Todds im Zentrum des Geschehens. In feinen Seitensträngen findet jedoch auch die Liebe ihren Raum. Seemann Anthony (Lukas Strasheim), der Todd nach London gebracht hat, verliebt sich in die engelsgleiche Johanna (Alexandra Scherrmann) – Turpins Mündel und Todds Tochter. Am Ende werden es die beiden sein, die das gesamte Drama als einzige überleben und vielleicht so zu einem glücklichen Neuanfang starten können.

Mit dem makabren Musical-Thriller war Stephen Sondheim (Musik und Texte) Ende der 70er-Jahre ein echter Coup gelungen. Am Broadway wurde das Stück gefeiert und 1979 gleich mit acht Tony Awards ausgezeichnet. In der Oldenburger Erstaufführung setzen Michael Moxham (Regie) und Jason Southgate (Bühne und Kostüme) auf eine historische Zeitreise mit großen Bildern, präsente Chorszenen und kleine Raffinessen wie drehbare Bühnenelemente. Beispielsweise die vollkommene Überhöhung und Eitelkeit des Richters mit einem überdimensional in die Höhe gewachsenen Richterstuhl zu unterstreichen, hat ebenso viel Charme, wie Johanna wie in einen Käfig eingesperrt freischwebend in der Luft zu zeigen. Dazu stellen Carlos Vásquez und das Staatsorchester mit einem farben- wie factettenreichen Klang unter Beweis, dass „Sweeney Todd“ kein gängiges Musical ist.

All das ist gute Unterhaltung in weitgehend überzeugender Besetzung, die aber für einen Thriller wenig packende Momente hat. Auch wenn das gut dreistündige Stück mit reichlich schwarzem Humor bestückt ist, fehlt ihm die letzte Würze. Das Premierenpublikum feierte Darsteller, Orchester und Regie mit großem Applaus.

Nächste Vorstellungen am 19. und 22. November sowie 14., 19. und 31. Dezember (auch 15 Uhr) um jeweils 19.30 Uhr.

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