Rajko Burchardt über Epidemien in Film und Fernsehen

„Kommt nie ganz aus der Mode“

„Vampire sind romantisch und sexy“: In „L’ultima preda del vampiro“ (deutsch in etwa: Das letzte Opfer des Vampirs) aus dem Jahr 1960 fällt eine Gruppe Tänzerinnen in die Hände eines Blutsaugers. Foto: Imago

Syke - Von Rolf Stein. Von Camus’ „Die Pest“ über Metalbands mit Namen wie Pestilence bis zum Kino, wo vor zehn Jahren der Film „Contagion“ lief, zu deutsch: Ansteckung: Immer wieder beschäftigen sich die Künste mit Krankheit und Tod. Der Filmspezialist Rajko Burchardt erklärt, warum Filme wie „Contagion“ oder die Serie „The Walking Dead“ in diesen Zeiten besonders oft gesehen werden.

Herr Burchardt, Ablenkung sucht man heutzutage ja wohl eher nicht bei einem Film wie „Contagion“ – was dann?

Ich denke nicht, dass sich die Mehrheit der Menschen von einem Film wie „Contagion“ Antworten auf derzeitige Fragen verspricht, insofern ist es vielleicht doch eine Ablenkung. Im Gegensatz zur Nachrichtenlektüre hat der Konsum eines fiktiven Seuchenfilms keinen tagesaktuellen Bezug, obwohl der Impuls, ihn genau jetzt sehen zu wollen, wiederum tagesaktueller nicht sein könnte. Die Handlung von „Contagion“ weist zwar unheimliche Parallelen zum derzeitigen Weltgeschehen auf, ist aber nichtsdestotrotz ein erkennbarer Hollywoodfilm voller erkennbarer Hollywoodstars. Möglicherweise greift da eine Doppelstrategie, die schon der Verarbeitung dient. Das Gezeigte ist nah und fern zugleich.

„The Walking Dead“ und „The Vampire Diaries“ stehen ebenfalls hoch im Kurs – es geht auch bei Vampiren und Zombies um die Idee von Epidemien, oder?

Der Biss des Vampirs kann das Opfer infizieren und zu seinesgleichen machen, worin ein großes metaphorisches Potenzial liegt. Filmische und serielle Vampirgeschichten haben sich das für allerhand Lesarten zu eigen gemacht, seit den 80er-Jahren etwa besitzt der vampirische Blutdurst eine feste Aids-Konnotation. Blutsauger werden daher kaum noch als rein tödliche Bedrohung in Szene gesetzt, ihr Biss ist vielmehr mit sexuellem Verlangen und der Aussicht auf ewiges Leben verknüpft. Vampire sind romantisch und sexy. Zombiefilme würde ich andererseits als epidemiologisches Kino schlechthin bezeichnen. Menschen verwandeln sich darin rasend schnell zu lebenden Toten, werden ungewollt hochinfektiöse Bestien mit unstillbarem Hunger auf Fleisch. Ihr Biss ist wahllos, immer ansteckend und somit auch immer tödlich. Jede Zombie-Pandemie markiert den sofortigen Eintritt in die Endzeit, umgehend fallen Gesellschaften hinter zivilisatorische Errungenschaften zurück. Aus dieser Idee hat Regisseur George Romero seinen wegweisenden Klassiker „Die Nacht der lebenden Toten“ geboren. Bis heute nehmen Zombiegeschichten darauf Bezug, insbesondere auch „The Walking Dead“.

Lässt sich historisch eine Regelmäßigkeit feststellen, mit der das Kino Katastrophen spiegelt – oder hat das immer Konjunktur? Wenn ja, wäre ja auch die Frage warum?

Von Katastrophen, realen wie ausgedachten, erzählen bewegte Bilder tatsächlich seit Anbeginn des Kinos. Der erste Film über den Untergang der RMS „Titanic“ erschien bereits einen Monat nach dem Unglück. Auch Naturkatastrophen wie Vulkanausbrüche oder Tsunamis waren schon früh Gegenstand von Spielfilmen. Hochphasen erlebt das Genre regelmäßig, ohne je ganz aus der Mode zu kommen. Allerdings wäre ich zurückhaltend, das anhaltende Publikumsinteresse politisch zu werten. Zwar sind beispielsweise die atomaren Invasionsgeschichten der 50er-Jahre zweifellos ein mentalitäts- und zeitgeschichtliches Produkt des Kalten Kriegs. Doch spiegeln populäre Katastrophenfilme vor allem eine Entwicklung des Kinos als Spektakel, vom Breitbildverfahren über den Mehrkanalton bis zur Computertricktechnik. Auf der großen Leinwand können Weltuntergänge nicht altern, weil sie stets auf den neuesten technischen Stand gebracht werden.

Welche Effekte verspricht man sich als Zuschauer davon? Kritische Distanz nimmt man zumindest im Blockbuster ja zunächst einmal nicht ein.

Eine kritische Distanz zu Katastrophenfilmen braucht es auch nicht unbedingt. Sicherlich tendieren bombastische Verfilmungen tatsächlicher Tragödien zur Geschmacklosigkeit, besonders dort, wo Zerstörung und Massensterben geschmackvoll dargestellt werden sollen. Ideologisch ist das Genre aber nicht verfänglicher als andere, die Ausschlachtung kann auch eine erfrischende Unbekümmertheit mit sich bringen. Ob das momentane Bedürfnis nach Virenthrillern wie „Outbreak“ oder „Contagion“ mit therapeutischen Effekten einhergeht, kann ich nicht beurteilen. Sollte es Menschen zu diesen Filmen ziehen, weil sie Ängste zulassen oder gar abbauen können, hielte ich das für nachvollziehbar und gesund. Wahrscheinlich geht es jedoch beim Katastrophenfilm, gerade auch dem sich authentisch präsentierenden, um Wirklichkeitsflucht. In weniger als zwei Stunden erzählt „Contagion“ von Ausbruch und Eindämmung eines tödlichen Virus, am Ende bebildert er noch dessen genaue Entstehung. Solche Zirkelschlüsse gibt es nur im Kino.

Es scheint ein bisschen wie anderswo auch zu sein: Die Nachfrage nach Filmen steigt enorm, aber der wirtschaftliche Schaden scheint davon kaum abgefedert zu werden. Ohne im Kaffeesatz lesen zu wollen: Wird sich zum Beispiel Hollywood von Corona erholen?

Obwohl die Verluste für Hollywood in die Milliarden gehen, dürfte eine Rückkehr zur Normalität dort vergleichsweise unproblematisch laufen. Alle ehemals souveränen Filmstudios wurden als Tochtergesellschaften in riesige Mischkonzerne eingemeindet. Für Marktführer Disney sind Kinostarts nicht der einzige Geschäftszweig, momentan steckt der Konzern viel Energie in seinen Streaming-Dienst. Andere Studios nutzen den Ausnahmezustand für eine möglicherweise historische Verschiebung in der Auswertungsrangfolge. So werden aktuelle Kinofilme kurzerhand als hochpreisige Streams angeboten. Mit dieser Idee liebäugeln große Rechteinhaber schon lange, sie scheiterte bisher jedoch am Widerstand der Kinos. Nun wird es einfach getan. Die Auswirkungen der Coronakrise auf Betreiber und unabhängige Verleiher sind allerdings nicht abzuschätzen. Kinoschließungen stehen angesichts der kompletten Lahmlegung des Filmtheaterbetriebs zu befürchten. All die Unterbrechungen von Dreharbeiten, die Verschiebungen oder Absagen von Startterminen treffen dann auch Produzenten. Hier wird es leider viele Opfer und eventuell auch tiefe, die Kinolandschaft nachhaltig verändernde Einschnitte geben.

Was wäre Ihr persönlicher Seh-Tipp für diese Zeiten?

„The Crazies“ von George Romero, eine realistische Variation seines eigenen Zombiethemas. Ahnungslose Kleinstadtbürger mutieren zu tollwütigen Paranoikern, weil das Grundwasser der Region durch einen biochemischen Kampfstoff verseucht wurde. Angemessen beklemmende Unterhaltung für die häusliche Quarantäne.

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