Kommentar

Corona-K.o. der Veranstalter: Staat lässt ganze Branche aussterben

Teilnehmer der Großdemonstration des Aktionsbündnis „#AlarmstufeRot“ zur Existenznot der Veranstaltungswirtschaft in der Corona-Krise haben vor dem Kanzleramt einen Sarg mit der Aufschrift "Veranstaltungsbranche" abgestellt.
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Viele Schausteller und Veranstalter sehen sich mit dem finanziellen Ruin konfrontiert. Die Corona-Krise macht ihnen schwer zu schaffen. (Symbolbild)

Die vierte Corona-Welle wütet weiter. Möglicherweise werden erneut Veranstaltungen en masse abgesagt. Die Branche nagt am Hungertuch. Ein Kommentar mit Wut im Bauch.

Hamburg – Auf den Festivalsommer folgen Indoor-Konzerte in den Wintermonaten – und umgekehrt. Eine Regelmäßigkeit, die nicht zuletzt in Deutschland über Jahrzehnte Bestand hatte. Mit Beginn der Coronavirus-Krise im März 2020 hat sich dies geändert. Tourneen werden abgesagt oder immer wieder verschoben. Veranstaltungen können nur unter strengen Auflagen stattfinden. Die Gefühlslage bei Besuchern und Betreibern? Bescheiden, um es gelinde auszudrücken. Wie kann, wie soll es weitergehen?

Interessenvertretung:Bundesverband Deutscher Schausteller und Marktkaufleute
Präsident:Wilfried Thal
Gründung:1952

Corona-Krise zwingt Veranstaltungsbranche in die Knie: Gesundheit geht vor – doch müssen auch Existenzen gerettet werden

Fakt ist: Freizeitliche Aktivitäten werden seit mehr als eineinhalb Jahren auf eine harte Probe gestellt. Verständlich, dass hohe Corona-Infektionszahlen es nicht zulassen, unbeschwert auf Konzerte zu gehen. Verständlich aber auch, dass es wie so oft zwei Seiten der Medaille gibt. Gesundheit geht vor, keine Frage. Dafür hat der Staat nicht zuletzt qua Grundgesetz Sorge zu tragen. Doch muss zumindest auch die Basis dafür gegeben sein, weiterhin ein Leben zu führen, dass sich nicht um Existenzängste dreht.

Ob Veranstalter in der Live-Branche oder Schausteller auf Weihnachtsmärkten – sie alle eint dasselbe Problem: Wie ... wie nur sollen wir die kommenden Corona-Monate überstehen? Hinsichtlich der Corona-Entwicklung im Winter 2021 sagt Lothar Wieler, Chef vom Robert Koch-Institut (RKI), dass es „fünf nach zwölf“ ist. Gemeint hat Wieler damit das dramatische Infektionsgeschehen. Doch gilt das nicht auch für die Veranstaltungsbranche?

„Todesstoß“ für viele Unternehmer: Veranstaltungsbranche befürchtet bei erneuten Absagen den finanziellen Ruin

Ja, das tut es. Erneut wird überlegt, Konzerte, aber auch Weihnachtsmärkte rigoros abzusagen. Ein Schritt, der aus Sicht der Veranstalter für viele Unternehmen das Aus, den finanziellen Ruin bedeuten würde. Der Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft (BDKV) spricht in diesem Kontext gar vom „Todesstoß“. Eine Bezeichnung, die fehl am Platz ist? Vielleicht, wenn man auf die kritische Situation auf den Intensivstationen blickt.

Was im übertragenen Sinne mit drastischen Worten ausgedrückt werden soll: brechen Live-Veranstaltungen jeglicher Art, brechen Weihnachtsmärkte erneut weg, stehen Existenzen vor dem Aus. Sicher, Soforthilfen wurden und werden immer noch versprochen. Wann sie eintreffen? Das kann Monate dauern. Immerhin treffen sie ein, kann zynisch angemerkt werden.

Doch wie lange soll, wie lange kann das gutgehen? Niemand kann mit Gewissheit sagen, ob die Infektionszahlen im Frühjahr 2022 und darüber hinaus erneut in die Höhe schießen. Die Gewissheit, dass Open-Air-Veranstaltungen stattfinden können? Wackelig, so wie die Aussagen mancher Politiker im Rahmen der Corona-Krise. Das Beispiel der Wacken-Alternative „Bullhead City“, das letzendlich abgesagt werden musste*, zeigt es.

Laute Hilferufe, leises Schweigen: Veranstaltungsbranche bettelt um Hilfe – Politik reagiert zu zögerlich

Und doch sind es erneut die Corona-Wirtschaftshilfen, auf die zurückgegriffen werden muss. Denn Alternativen sind rar gesät. In Thüringen gilt mittlerweile die 2G-Regel in weiten Teilen des öffentlichen Lebens. Ein deutliches Signal für die Veranstaltungsbranche, die proaktiv fordert, ebene jene Corona-Hilfen erneut auszuzahlen.

Die Allianz der Veranstaltungswirtschaft Thüringen weiß die Zeichen zu deuten. Denn die neuen, strengen Corona-Auflagen für eine ganze Branche kommen einem erneuten Lockdown gleich. Es gebe zwar ein „hohes Verständnis“, dass Maßnahmen zur Pandemie-Bekämpfung getroffen werden müssen.

Doch sind es Faktoren wie die 2G-Regel, Beschränkungen der Kapazität oder die Maskenpflicht, die für die Veranstalter am Ende des dunklen Tages mit höheren Kosten verbunden sind – während die Einnahmen sinken. Es ist ein Trauerspiel, das seit rund 20 Monaten zu beobachten ist. Die Veranstaltungsbranche schreit nach finanzieller Hilfe, um das gegenwärtige Überleben zu sichern und den kulturellen Betrieb in einer Post-Pandemie-Zeit gewährleisten zu können. Und die Politik? Lässt Rufe verhallen, reagiert zögerlich und zupft sich die Krawatte in Talkshows zurecht, in denen mit stoischer Ruhe „zeitnahe Hilfe“ versprochen wird.

Forderung nach erneuten Corona-Soforthilfen: Wie wird die Politik reagieren?

„Hello, can you hear me? / Hello from the other side“, heißt es in einem der größten Hits der britischen Popsängerin und Powerfrau Adele. Wie in „Hello“ muss sich mitunter auch eine ganze Branche vorkommen. Die Rufe nach Hilfe sind laut. Ob sie erwidert werden? Mal ja, oftmals eher nicht. Auch der designierte Kanzler Olaf Scholz sollte in die Pflicht genommen werden – denn Scholz muss in der Corona-Krise Führung übernehmen. Wie heißt es bei ihm? „Wer bei mir Führung bestellt, der bekommt sie auch“. Worte, an denen er sich messen lassen muss.

Fast schon präventiv wird um die Corona-Soforthilfen gebeten, da nach langen Monaten der kulturellen Entbehrung niemand so blauäugig ist und denkt, dass bereits im Winter 2021 eine „normale“ Situation für die Branche gewährleistet werden kann. Die Politik muss und wird handeln. Und mit ihrem Vorgehen womöglich einen ausgedünnten Faden namens Veranstaltungsbranche durchschneiden, an dessen Ende reihenweise Existenzen ihr Lebenswerk vor die Hunde gehen sehen. Und das ist beschämend. * kreiszeitung.de und 24hamburg.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA.

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