Tom Cooper erzählt in seinem Romandebüt von einer fremden Welt

Shrimps an Schweröl

Mediengruppe Kreiszeitung
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Syke - Von Rolf Stein. Vergessen Sie bitte, was Sie über die Vereinigten Staaten von Amerika wissen. Oder nein, besser: Behalten Sie es im Hinterkopf, wenn Sie den ersten Roman von Tom Cooper lesen. Vor dieser bekanntlich klischeebehafteten Folie wirkt „Das zerstörte Leben des Wes Trench“, Originaltitel: „Marauders“ (Marodeure), noch ein wenig eindrucksvoller. - Von Rolf Stein.

Cooper erzählt aus einer Welt, die abseits der gängigen Erzählungen über das mythische Nordamerika liegt, von prekären Existenzen, die von einer Natur leben, die längst nachhaltig beschädigt ist. Von Menschen, deren Geschichte geprägt ist von der Kolonialgeschichte eines Kontinents, von Stellvertreterkriegen und Landnahme. Die als fremd wahrgenommen werden, wenn sie in die benachbarte große Stadt reisen, auch wenn ihre Familien seit Generationen in den Sümpfen leben. Oder genau deswegen.

Wes Trench ist der jüngste Sohn einer solchen Familie, die ihren Lebensunterhalt mit Fischerei verdient. In der Barataria, im südlichen Zipfel Louisianas, nicht weit von New Orleans, aber Welten davon entfernt, ist das für viele die einzige Einkommensquelle. Seit dem Hurrikan Katrina ist Wes Halbwaise, seit der Ölpest im Golf von Mexiko fünf Jahre später ist auch die Existenz der Familie bedroht. Und die der ganzen Region.

Wegzugehen kommt allerdings für die meisten Bewohner Baratarias nicht in Frage. In der Stadt verachtet man sie als „Sumpfratten“. Und sie sind so sehr mit der einzigartigen, legendendurchzogenen Landschaft verbunden, dass sie ein Teil ihrer sozialen Matrix geworden ist. Also fischen sie weiter im Trüben, auch wenn bald niemand mehr die ölverseuchten Shrimps aus dem Golf von Mexiko kauft. Muss ja. Daneben hat sich längst eine Schattenwirtschaft entwickelt, an der die örtliche Polizei eher teilhat, als dass sie sie bekämpfte.

Die Zwillingsbrüder Toup bauen auf einer versteckten Insel feinstes Gras an, der einarmige Lindquist studiert alte Bücher, um den Schatz des legendären Freibeuters Jean Lafitte zu finden. Und Grimes, Angestellter einer großen Ölgesellschaft, kehrt in seine alte Heimat zurück, um die auf Schadenersatz klagenden Sumpfbewohner mit einer Handvoll Dollars zu befrieden.

Wie sich diese Menschen schließlich begegen, sich ihre Lebenslinien unauflösbar verbinden und wieder auflösen, erzählt Tom Cooper fesselnd und mit einem Witz so schwarz wie das Öl, das den Menschen in der Barataria das Leben zur Hölle macht.

Was „Das zerstörte Leben des Wes Trench“ aber nicht zuletzt zu einem besonderen Buch macht, ist zum einen der Blick in eine Welt, die sich ihre dunklen Geheimnisse bewahrt hat und die uns auch Cooper nur so weit entdeckt, bis sie in ihrer Unergründlichkeit kenntlich werden. Was aus Lindquist wird? Ob das Haus, von dem Grimes hätte schwören können, es am Vortag an gleicher Stelle gesehen zu haben, wirklich einfach verschwunden ist? Wir werden es nicht erfahren. Immerhin ein bisschen Licht lässt Cooper am Ende durchscheinen: Das Leben von Wes Trench, es ist nicht vollständig zerstört.

Dieser Roman im Southern-Gothic-Sound, übrigens souverän übersetzt von Peter Torberg, erzählt dabei en passant, wie sich das ganz Große im vordergründig ganz Kleinen abbildet; wie zerbrechlich die Symbiose mit einer schließlich unbeherrschbaren Natur ist.

384 Seiten, gebunden,

22 Euro im Ullstein-Verlag.

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