Im Clinch mit den Zeitläuften

Armin Petras stellt sich mit „Love You, Dragonfly“ als Hausregisseur vor

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Armin Petras lässt die Puppen fliegen – und die Schauspieler hinterher: Ensemble von „Love You, Dragonfly“.

Bremen - Von Rolf Stein. Ein bisschen durfte man sich am Freitag vorkommen, als sei man im Kleinen Haus in Bremen an einem Ort, auf den Theaterdeutschland blickt. Überrregionale Kritiker, aber auch Klaus Dörr, Interimschef der Berliner Volksbühne wurden im Publikum gesichtet, als Armin Petras, sich als neuer Hausregisseur am Theater Bremen vorstellte.

Zwar ist Petras in Bremen alles andere als ein Unbekannter. Bisher inszenierte er an der Weser allerdings ausschließlich im Musiktheater, seine Sicht auf Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“ und die Uraufführung von „Anna Karenina“ mit der Musik von Thomas Kürstner und Sebastian Vogel sind in der Stadt in bester Erinnerung.

Nun also Schauspiel, und dann auch noch eines aus eigener Feder: „Love You, Dragonfly“ trägt den Autorennamen Fritz Kater, hinter dem Petras selbst steckt. „Sechs Versuche zur Sprache des Glaubens“ steht da im Untertitel, die Möglichkeit des Scheiterns ist damit dem Texte eingeschrieben.

Glauben, das wird schnell klar, ist hier zumindest nicht unmittelbar religiös oder gar konfessionell zu verstehen: Die erste Szene führt in die Sowjetunion der 30er-Jahre, später geht die Reise ins Vorwende-Ungarn, vorwärts in die nahe Zukunft und wieder zurück in den Zweiten Weltkrieg.

Und immer stehen die Geschichten der Menschen, die Petras nach literarischen Vorbildern wie Heiner Müller oder Tschingis Aitmatow entwirft, hautnah im Clinch mit den Zeitläuften, den großen gesellschaftlichen Ideen, die die Verhältnisse zum Tanzen brachten. Und noch ein bisschen bringen.

Überschrieben sind die sechs „Versuche“, die im Grunde in der Summe ein Episodendrama ergeben, mit Zwischentiteln wie „Familie“, „Gott“, „Liebe“, „Freiheit“ – ihrerseits Ideen, die vermeintlich über den Dingen stehen, Orientierung geben, Sinn stiften. Und Kater lässt sie mit einer gewissen Grausamkeit scheitern. Zumindest aber ihre Subjekte teuer dafür bezahlen.

Der Ton ist dabei mal zartbitter, mal super sarkastisch, mal grausam, wie in der Geschichte des 13-jährigen Mädchens „M“, das in einer Art Horror-Fassung des Rotkäppchen-Gedankens von einem Alkoholiker vergewaltigt wird. Mirjam Rast, einer der neueren Ensemble-Zugänge, prägt diese Szene mit beklemmender Intensität.

Wobei das Ensemble hier ganz insgesamt eine wahre Freude ist. Simon Zigah wäre hier als einer der Ersten unter Gleichen zu nennen. Fania Sorel ist gewohnt intensiv, Gastmusiker Philipp Poisel fügt sich und seine Musik überraschend gut ein in diesen Abend, und die beiden Neuzugänge Ferdinand Lehmann und Deniz Orta erhöhen die Vorfreude auf die Dinge, die da in dieser Spielzeit kommen. Manolo Bertling, den Petras aus Stuttgart mitgebracht hat, ist derweil leider lediglich als Gast dabei.

Weitere Vorstellungen

Mittwoch, 19. September, Mittwoch, 17. Oktober, Donnerstag, 18. Oktober & Samstag, 17. November, 20 Uhr, Kleines Haus, Theater Bremen

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