Christopher Rüping inszeniert in Hannover das Leben des Hackers Karl Koch

Aus der Kinderstube des Internets

Beobachtet: Philippe Goos (groß) und Daniel Nerlich in „23“.
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Beobachtet: Philippe Goos (groß) und Daniel Nerlich in „23“.

Hannover - Von Jörg Worat. Sonderbares tat sich kürzlich auf der Homepage des hannoverschen Staatsschauspiels. Der Cursor-Zeiger hatte sich in die Zahl 23 verwandelt, die zudem ab und zu über den gesamten Bildschirm flimmerte. Am 23. Februar dann präsentierte sich die Seite im Computer-Retro-Look mit grüner Schrift auf schwarzem Grund. Es war der Tag einer Uraufführung im Ballhof: Sie hieß „23“, Untertitel: „Nichts ist so wie es scheint“.

Hans-Christian Schmid hatte 1998 einen gleichnamigen Film herausgebracht. Er erzählt die wahre Geschichte des hannoverschen Hackers Karl Koch: Dieser labile junge Mann folgt in den 80er-Jahren, als das Internet noch in den Kinderschuhen steckte, seinen wirren Vorstellungen von politischer Betätigung, spioniert für den KGB und gerät ins Visier des deutschen Verfassungsschutzes. Am 23. (!) Mai 1989 verschwindet Koch, seine verkohlte Leiche wird eine Woche später in einem Wald bei Gifhorn gefunden – mutmaßlich nahm sich Koch das Leben.

Für seine Theateradaption hat Regisseur Christopher Rüping alle Zutaten in einen Mixbecher geworfen und kräftig durcheinandergewirbelt. Logischerweise ist das Ergebnis zuweilen etwas diffus, aber oft auch stimmig und vor allem unterhaltsam – schließlich ist dies eine Produktion des „Jungen Schauspiels“. Dass die Grenzen zwischen Realität und Fantasie immer wieder verschwimmen, liegt bei diesem Thema jedenfalls nahe: So tritt der sprachbegabte Delphin Howard aus der „Illuminatus!“-Romantrilogie, die Koch so schätzte und in der die Unheils-Zahl 23 eine große Rolle spielt, leibhaftig auf und quatscht wichtigtuerisch dazwischen.

Logisch erscheint auch die Aufteilung der Spielformen. Live-Videos etwa, die im Theater mittlerweile ansonsten nicht selten Selbstzweck geworden sind, passen hier hervorragend zum Thema, rührenderweise werden auch VHS-Kassetten eingesetzt, auf die Gefahr hin, dass im Einzelfall ein Bildschirm dunkel bleibt. Überhaupt kommt das 80er-Jahre-Flair mit Neuer Deutscher Welle oder Zitaten von Mathias Rust reichlich zur Geltung.

Die Inszenierung hat ihre überbordenden Seiten, setzt auf Skurrilitäten und Humor bis hin zur Albernheit, aber sie denunziert den Menschen Karl Koch nicht, selbst wenn es Hauptdarsteller Philippe Goos zu Beginn gekonnt schafft, sich beim großen Monolog in gefühlt 50 Themensträngen zu verwickeln. Die Not dieses Mannes, der unter anderem zwischenzeitlich glaubt, für die Katastrophe von Tschernobyl verantwortlich zu sein, bleibt in der Folge immer spürbar.

Es gibt lediglich vier weitere Akteure. Lisa Natalie Arnold, die so wunderbar selbstverständlich die beklopptesten Rollen ausfüllen kann, ist der Delphin. Daniel Nerlich gibt diszipliniert den Hackerkollegen. Mathias Max Herrmann muss den Journalisten auf der Suche nach der großen Story mal als Vollidioten, mal als spinnenfingrigen Nosferatu spielen – da sind dann doch einigermaßen die Gäule mit Regisseur Rüping durchgegangen.

Der aber auch einen nachgerade genialen Einfall hatte. Irgendwann breitet Koch mitten im Publikum seine Visionen aus und stößt dabei auf eine junge Besucherin. Die sich indes später als Mitwirkende herausstellt, auf die Bühne eilt und in der Rolle der 16-jährigen Waldorfschülerin Maja einen Cyberflirt mit dem gepeinigten Protagonisten beginnt. Es ist Inga Sund aus dem hannoverschen Schauspiel-Jugendclub, und gerade die Tatsache, dass sie kein Profi ist, macht die Sache so anrührend – ein Funken Natürlichkeit in all den virtuellen Welten. Kein Wunder, dass Koch, sobald ihm Maja entgleitet, endgültig zerbricht.

Das allerdings dauert noch ein Weilchen, und der Hauptvorwurf an die pausenlose Zwei-Stunden-Inszenierung wäre dann auch der, dass sie am Schluss arg langatmig wird. Das Publikum bleibt indes, nach der Lautstärke des Schlussbeifalls zu urteilen, hellwach. Es hat ja auch viel gelernt. Zum Beispiel, dass Lena Meyer-Landrut am 23. Mai geboren ist – was auch immer man daraus folgern mag.

Die nächsten Vorstellungen: Sonntag, 28. Februar, 19.30 Uhr, Montag, 29. Februar, 11 Uhr, Samstag, 5. März, 19.30 Uhr, Sonntag, Ballhof Eins, Hannover.

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