„Die entlarven sich selbst“

Christoph Sell von Feine Sahne Fischfilet spricht über Bauhaus und Extremismus

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Gitarrist Christoph Sell (l.) und Frontmann Jan „Monchi“ Gorkow schreiben die Texte der Band Feine Sahne Fischfilet.

Kassel - Von Maja Yüce. Die einen nennen sie die aktuell wichtigste deutschsprachige Band, andere, wie die Bauhaus-Stiftung in Dessau, wollen sie nicht auftreten lassen. Ohne Zweifel gibt es derzeit über keine andere Gruppe so viele Schlagzeilen, wie über die linke Punkband Feine Sahne Fischfilet. Sie gehörte zu den Mitinitiatoren des #wirsindmehr-Konzerts gegen Rechts in Chemnitz und wird nun, statt wie vom ZDF geplant im Bauhaus, in einem Brauhaus in Dessau auftreten. Wir sprachen mit Gitarrist Christoph Sell, der mit Frontmann Jan „Monchi“ Gorkow die Songs schreibt – und singt.

„Alles auf Rausch“ heißt einer der Songs. Fühlt sich das Leben für Sie derzeit so an?

Christoph Sell: Es ist auf jeden Fall eine Reizüberflutung. Aber es ist toll, was wir erreichen konnten – allein das Konzert in Chemnitz, das 65.000 Menschen gegen Rassismus auf die Straße brachte. Eigentlich haben wir Urlaub und wollten im Bauhaus in Dessau nur ein Konzert spielen. Das hätte gut zusammengepasst – bei der Geschichte des Hauses. Dann kam die Absage. Dadurch ist vieles in Gang geraten, dabei haben wir diesmal nicht viel getan. Es liegt vermutlich an der Energie, die wir haben und an unserer Einstellung, sozialpolitisch viel reißen zu wollen.

Auf Facebook bedanken Sie sich bei den Bauhaus-Entscheidern für die große Werbung. Hand aufs Herz, die Absage hat schon geschmerzt.

Sell: Natürlich. Wir kennen es, angefeindet und auch abgelehnt zu werden – aber vom Bauhaus mit seiner antifaschistischen Geschichte haben wir das nicht erwartet. Mittlerweile habe ich mich mit der Stiftung beschäftigt, die dahinter steht. Sie ist nach den Mehrheitsverhältnissen des Landtages besetzt und wenn die Leute eher konservativ bis rechts wählen, dann sitzen in dieser Stiftung auch solche Menschen. Die mögen uns nicht. 

Nur: Wenn da eine linke Band nicht spielen, aber ein Sido mit dem „Arschficksong“ auftreten darf, ist das ein problematisches Zeichen. Und dann entlarven die sich selbst. Es nervt und enttäuscht, aber wir haben den Spieß umgedreht – geben ein Brauhaus-Konzert.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und zuletzt Sänger Herbert Grönemeyer haben die Band unterstützt. Wie gut tut dieser Rückenwind?

Sell: Wir haben ein großes Netzwerk von Menschen, die uns Kraft geben, und sind nicht alleine. Das Video von Herbert Grönemeyer ist witzig und einige von unseren Eltern feiern das total. Das ist toll, ebenso wie Steinmeiers Positionierung. Dabei sind wir parteiunabhängig, können mit der SPD nicht so viel anfangen und sind in der sozialen Opposition, aber es gibt Schlimmeres.

Die Gewerkschaft der Polizei sagt, wer Ihre Band unterstützt, unterstützt Linksextremisten. Wie extremistisch ist die Band?

Sell: Ich lehne diese Extremismustheorie sehr ab, es geht dabei darum, zu kriminalisieren. Wir sind als kleine, linke Punkband in Mecklenburg-Vorpommern gestartet, weil es da kaum Zivilgesellschaft gibt und ganz viele Neonazistrukturen. Wir wollen in einer Welt leben, die auf Demokratie baut und antirassistisch ist. Es geht uns um Humanismus. Wir sind das krasseste Gegenteil von Nazis und deshalb ist es für mich ein großes Problem, wenn man uns mit Nazis gleichsetzt.

Warum singen Sie „Staatsgewalt“ – in dem Song geht es um Polizeigewalt – nicht mehr?

Sell: Vor allem, weil wir ihn musikalisch nicht mehr mögen. Der Text ist vor zehn Jahren entstanden, da waren wir 18, heute würden wir ihn anders schreiben. Aber ich finde ihn in Ordnung, weil er schildert, wie es ist, wenn junge Menschen auf Demos Polizeiknüppel ins Gesicht bekommen. Noch ein aktuelles Thema. Wir sind eine linke Punkband, wir haben solche Texte, aber deshalb sind wir nicht gewaltverherrlichend.

Es gibt bei den Konzerten Alkohol für die Fans. Wie halten Sie es mit dem Alkohol?

Sell: Natürlich geht es um das gemeinsame Feiern. Aber: Wir gehen eigentlich nicht betrunken auf die Bühne, weil man dann nicht alles geben kann. Ich kann nüchtern feiern und trinke erst nachher ein paar Bier.

Auf dem Album „Sturm und Dreck“ geht es auch um Sehnsucht und Dankbarkeit. Sind das Gefühle, die das Tourleben weckt?

Sell: Das kann gut sein. Gerade „Wo niemals Ebbe ist“ ist ein kleiner Kuss nach Hause von Monchi. Aber ein Lied wie „Zuhause“ macht eher die Problematik unserer Welt deutlich – wir haben das Glück, ein Zuhause zu haben und nicht im Krieg zu leben.

Sind Feine Sahne Fischfilet die Toten Hosen 2.0.?

Sell: Auf keinen Fall. Natürlich gibt es Schnittmengen. Wir sehen in den Toten Hosen eine Institution und wir sind mega-froh, mit diesen tollen Leuten auftreten zu können. Dadurch erreichen wir viele verschiedene Leute. Aber dann muss man natürlich aufpassen, dass es nicht heißt, wir sind die Toten Hosen 2.0 (lacht).

Sie werden oft angefeindet. Bereitet Ihnen das Sorgen?

Sell: Man lernt, damit umzugehen. Wir haben es einfacher als die Leute, die auf dem Land leben, sich gegen Neonazis stark machen und keine Lobby haben. Die wollen wir mit unserer „Noch nicht komplett im Arsch“-Kampagne stützen. Es lohnt sich durchzuhalten.

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