Staatsoper Hannover zeigt „Carmen“ in neuer Fassung

Cheerleader und Schmerzensfrau

Stimmstark: Evgenia Asanova als Carmen.
+
Stimmstark: Evgenia Asanova als Carmen.

Hannover – „Carmen“? Klar, das ist die „Oper in vier Akten nach Georges Bizet in einer musikalischen Bearbeitung von Marius Felix Lange für die Fassung von Barbora Horáková und Martin Mutschler“. Zumindest in Hannover, und die Staatsoper hat diese Formulierung nicht gewählt, um Zeilenschindern eine Freude zu machen, sondern wollte ihr Vorhaben möglichst genau beschreiben. Tatsächlich hat es seine Gründe, dass für das Opernhaus im Programmheft eine „Uraufführung“ angekündigt war.

Die sich als höchst spannungsreich erweisen sollte. Und der, dies vorweg, keineswegs ein Hang zu folkloristischer Harmlosigkeit vorzuhalten war. Das wurde schon beim ersten Blick auf Thilo Ullrichs Bühnbild klar, eine Art Stadionruine, die atmosphärisch ein wenig an die hannoverschen Zeiten von Calixto Bieito erinnerte. Aber wenn hier im weiteren Verlauf auch schon mal eine Neonreklame „Toro Power“ verheißen sollte oder das eine oder andere Moped auf der Bühne auftauchte – Provokation als Selbstzweck, wie man sie Bieito damals, nicht immer ganz zu Unrecht, unterstellte, war an diesem Abend nicht angesagt.

Der begann und endete mit dem Bild eines Mannes, der lief, ohne von der Stelle zu kommen. Inwieweit die Lebensentwürfe dieser Figuren entwicklungsfähig sind, stellt überhaupt ein zentrales Motiv in Barbora Horákovás Inszenierung dar, angereichert mit Rauchschwaden, mit Projektionen, mit Tanzeinlagen. Die Regisseurin und Dramaturg Martin Mutschler haben zudem (bei der Premiere leider nicht immer gut verständliche) Erzählstimmen ins Spiel gebracht: Dann sinniert Don José über die Selbstzerstörung und das Anderssein oder will von Carmen wissen, wie man lebt. Die wiederum erinnert sich: „Schon als Kind wollte ich nie schlafen gehen … Ich begriff, dass ich die Herrin meiner Wünsche war.“

Auch Komponist und Arrangeur Marius Felix Lange hat einigen Eigenbau geliefert. Eine Art behutsame Flucht nach vorn: Wenn die Umstände großes Orchester und große Chöre verbieten, sind eben ohnehin neue Lösungen angesagt. So bekam etwa Don José ein baskisches Volkslied zugeteilt, und Carmen singt eine in ihrer Schlichtheit anrührende Weise auf Caló, der Sprache der spanischen Gitanos.

Die Instrumentierung setzt frische Akzente, es erklingen punktuell ausgeprägte Höhen und satte Tiefen, die Perkussion mit Vibraphon und Marimba macht sich nachhaltig bemerkbar. Zuweilen scheinen Melodik und Harmonien sanft zu entgleisen, aber bevor sich jemand ernsthaft Sorgen macht: Ja, es gibt eine Habanera, es gibt ein (angenehm unplakatives) Torerolied – und der Respekt vor Bizet bleibt bei allen Eigenheiten stets spürbar.

Zumindest war es so bei der Premiere, natürlich in hohem Maße ein Verdienst des stets aufmerksamen Niedersächsischen Staatsorchesters unter dem neuen Generalmusikdirektor Stephan Zilias. Langweilig wurde es auch szenisch nicht, eher war hier und da etwas zuviel los – die teilweise freizügig angehauchten Tanzszenen ergaben allerdings angesichts der grundlegenden Thematik durchaus Sinn. Evgenia Asanova war eine überzeugende, kontrolliert stimmstarke Carmen, deren Charakterzeichnung jedoch nicht immer ganz klar wurde: Die Regie hat aus ihr im ersten Teil so etwas wie einen lasziven Cheerleader und im zweiten eine Schmerzensfrau mit gebremstem Schaum gemacht – da fehlte das gewisse Quantum an Unbedingtheit. Große Klasse zeigte Rodrigo Porras Garulo als ein Don José, dem man seine Zerrissenheit jederzeit glaubte: Als ihm am Ende die Stimme andeutungsweise zu brechen schien, ohne dass es pathetisch wurde, wurde viel Gespür für die angemessene Balance deutlich. Germán Olvera mixte als Escamillo das rechte Maß an Eitelkeit in die Darstellung, Barno Ismatullaeva erntete für die große lyrische Micaëla-Arie Szenenapplaus. Während Yannick Spanier als Zuniga die bekannte Opernlogik unterstrich, derzufolge sich Figuren auch durch einen Bauchschuss nicht am Weitersingen hindern lassen. Mal schauen, wie sich künftig andere Ensemblemitglieder schlagen – es gibt für alle Partien Doppelbesetzungen.

Passen nun die vielen Facetten dieses Abends zusammen? Vielleicht nicht durchgehend. Ist er interessant? Allemal. Und mochten auch auf der Bühne Abstandsregeln gelten, die sich übrigens nicht nachhaltig bemerkbar machten: Das Publikum zeigte nach zwei pausenlosen Stunden beim achtminütigen, von Jubelrufen durchsetzten Schlussbeifall wenig Distanz zum Gebotenen.

Von Jörg Worat

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

AfD beschließt sozialpolitisches Konzept

AfD beschließt sozialpolitisches Konzept

DFB-Frauen schlagen Griechenland - Bilanz bleibt perfekt

DFB-Frauen schlagen Griechenland - Bilanz bleibt perfekt

An diesen vier Zipfeln endet Deutschland

An diesen vier Zipfeln endet Deutschland

Die heilende Kraft der Aloe vera

Die heilende Kraft der Aloe vera

Meistgelesene Artikel

Lemmy Kilmister: „Bis ich tot umfalle“

Lemmy Kilmister: „Bis ich tot umfalle“

Lemmy Kilmister: „Bis ich tot umfalle“
Festgefahren im Genre

Festgefahren im Genre

Festgefahren im Genre
„Tatortreiniger“ Bjarne Mädel gibt nach 31 Folgen den Wischmob ab

„Tatortreiniger“ Bjarne Mädel gibt nach 31 Folgen den Wischmob ab

„Tatortreiniger“ Bjarne Mädel gibt nach 31 Folgen den Wischmob ab
„Rainer Gratzke oder Das rote Auto“: Der letzte Krawallier

„Rainer Gratzke oder Das rote Auto“: Der letzte Krawallier

„Rainer Gratzke oder Das rote Auto“: Der letzte Krawallier

Kommentare