Bremer moks zeigt Wedekinds „Frühlings Erwachen“ im Schauspielhaus

Im Chaos der Gefühle

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Der Schein der Fröhlichkeit am Autoscooter trügt: Räusche und Abstürze am Bremer Theater. ·

Bremen - Von Corinna LaubachChaos und Ordnung. Sinn und Unsinn. Leben und Tod. Liebe und Einsamkeit. Macht und Ohnmacht. Alles liegt ganz nah beieinander. Mit sensiblen 14 Jahren kann einen Teenager das in ungeahnte emotionale Höhenräusche wie Tiefenstürze katapultieren. Damals wie heute.

Frank Wedekinds Drama „Frühlings Erwachen“ gibt den Jugendlichen ein Sprachrohr. Nicht mehr Kind, noch längst nicht Erwachsener, bleiben die Teenager allein und unverstanden in ihrer Welt. Heute im aufgeklärten 21. Jahrhundert mag man als Erwachsener und als Eltern mehr Zugang zu den Sorgen, Wünschen und Nöten der Teenager haben als zur Entstehungszeit des Klassikers Ende des 19. Jahrhunderts. Dennoch bleibt der Grat zwischen Verständnis und Einsamkeit wohl leider ein schmaler – wie die Statistik mit Blick auf die Suizidzahlen Heranwachsender zeigt. Was diese immer schneller drehende Welt mit Teenagern machen kann, die durch das Raster aus Erwartungen und Hoffnungen fallen, das zeigt diese temporeiche Inszenierung des Bremer moks ganz eindrucksvoll.

Was mit Lebenshunger und Neugier beginnt, endet mit Selbstmord und einer tödlichen Abtreibung. Zwei Leben vorzeitig ausgelöscht mit zarten 14. Dabei schien das Leben doch eine einzige Party zu sein? Der Schein am fröhlich blinkenden Autoscooter (Bühne: Stephan Testi) trügt. Die acht Schulfreunde, die sich dort regelmäßig treffen, Bier trinken, kiffen, tanzen und feiern, sind keineswegs nur lebensfroh. Weder die Mädchen, noch die Jungen. Die eine (Anna-Lena Doll als Wendla) wird von ihrer Mutter überbehütet und eine Abtreibung nicht überleben, die andere (Lisa Marie Fix als Martha) wird im Elternhaus täglich verprügelt, eine weitere (Varia Linnéa Sjöström als Ilse) gerät auf der Suche nach Liebe an Demütigung und sexuelle Unterwerfung.

Die Jungen sind oberflächlich cool, alle im Sportoutfit, doch darunter tobt das Chaos. Moritz (Christopher Ammann) lernt wie besessen, um seinen Vater (grandios: Guido Gallmann) nicht zu enttäuschen. Am Ende reicht es nicht für die Versetzung – für Moritz der Anlass, sich eine Kugel in den Schädel zu jagen. Melchior (Simon Zigah) pendelt lässig durch das Leben, tut, als ob ihn das alles nicht betrifft und sieht hilflos zu, wie Wendla sich das gemeinsame Kind aus dem Leib schlägt und verblutet. Daneben kämpft Hans (Sandra Sutalo) mit seiner Homosexualität.

Es ist beklemmend und ergreifend zugleich, wie die Acht zwischen Leistungsdruck aus Schule und Elternhaus und dem Wunsch nach Liebe und dem ersten Mal durch ihr junges Leben pendeln. Glück und Melancholie liegen scheinbar nirgendwo näher beisammen.

Regisseur Mario Portmann (derzeit Oberspielleiter am Theater Konstanz) stellt sich mit der Bearbeitung von Frank Wedekinds Klassiker „Frühlings Erwachen“ erstmals in Bremen vor. Ein gelungener Einstand. Das Stück macht atemlos, egal ob Teenie in der Sinnkrise oder als Erwachsener. Schnell und schwindelerregend führt das erweiterte moks-Ensemble (Kollegen aus dem Schauspielensemble sowie Studierende der Hochschule für Musik, Theater und Medien aus Hannover) durch die Höhen und Tiefen eines Lebens mit 14.

In der Bearbeitung für Jugendliche zeigt sich nochmals die immerwährende Aktualität des mehr als 100 Jahre alten Stoffes. Die Sorgen und Nöten der unterschiedlichen Generationen finden sich in einer erstaunlichen Schnittmenge. Angereichert wird die Jetzt-Zeit in Wedekinds Drama beispielsweise mit Verweisen auf soziale Netzwerke, dem Hang zur Magersucht und dem Druck, einen guten Schulabschluss hinzulegen, um überhaupt eine Chance in diesem Leben zu haben. Rasender Applaus!

Nächste Vorstellungen am 17., 20. (18.30 Uhr) und 28. November um jeweils 20 Uhr.

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