Urfassung des „Triumphlieds“ im Archiv der Philharmonischen Gesellschaft gefunden / Universität spricht von Sensation

In C-Dur und ohne Pomp: Bremer Forscher entdecken Werk von Brahms

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Triumph! Katrin Bock und Professor Ulrich Tadday präsentieren die Bremer Fassung des „Triumphlieds“ von Johannes Brahms. ·

Bremen - Von Johannes BruggaierVor seiner Reise nach Bremen im Frühjahr 1871 hatte Johannes Brahms seinem Freund, dem Bremer Musikdirektor Karl Martin Reinthaler einen Brief geschrieben.

Er freue sich gewaltig auf seinen anstehenden Besuch, heißt es darin. Und um dieser Freude Ausdruck zu verleihen, werde er schließlich nicht weniger als vier Hörner und drei Trompeten in C-Dur im Gepäck führen. Es ist kein Geheimnis, worauf Brahms mit diesem Bild anspielte: auf sein „Triumphlied“ op. 55 in D-Dur, das im Rahmen der legendären Uraufführung des „Deutschen Requiems“ im Bremer Dom erstmals erklungen ist. Nur: warum C-Dur?

Eine spektakuläre Entdeckung aus dem Archiv der Philharmonischen Gesellschaft in Bremen sorgt nun für Aufklärung. Bei der Recherche für ihre Dissertation über die Geschichte dieser Organisation ist die Musikwissenschaftlerin Katrin Bock nämlich auf bislang unbekanntes Material gestoßen. Wie sich herausstellte, handelt es sich um die Ursprungsfassung des später überarbeiteten „Triumphlieds“ – lange verschollen geglaubt und: notiert in C-Dur.

Nun ist es die Universität Bremen, die ihr ganz eigenes Triumphlied anstimmt: eine „Sensation“ sei die Entdeckung, heißt es auf der gestern einberufenen Pressekonferenz. Und Bocks Doktorvater, Professor Ulrich Tadday, erklärt auch gleich, warum. Es lasse sich nämlich von einer autonomen Fassung sprechen, also von mehr als bloß ein paar kleinen Differenzen zur später veröffentlichten Ausgabe.

So verweist Tadday auf Unterschiede in der Instrumentierung. Die bislang bekannte Fassung aus dem Sommer 1871 sei etwa für Fagotte und Kontrafagott geschrieben, im Blech außerdem – abgesehen von den Trompeten und Hörnern – für drei Posaunen und Tuba. In der ursprünglichen Version aus dem Frühjahr hingegen seien lediglich Fagotte (ohne Kontrafagott) sowie drei Posaunen (ohne Tuba) vorgesehen. Hat Brahms während der Bremer Uraufführung die Notwendigkeit erkannt, den Bassbereich zu stärken? Oder war er von der im Jahr 1871 zunehmenden Euphorie über die Deutsche Reichsgründung ergriffen? Sollte etwa mit einem tiefen Griff in die Pathoskiste das „Triumphlied“ über den Deutsch-Französischen Krieg in eine pompöse Nationalhymne umfunktioniert werden?

Tadday mahnt bei diesen Spekulationen zur Vorsicht. Bislang lasse sich allenfalls sagen, dass die ursprüngliche Fassung „lichter“ und transparenter komponiert sei, während die Juni-Version auch mittels Ergänzungen mit Füllstimmen dichter und auch lauter erscheine. Mit 206 Takten habe sie auch um 16 Takte an Umfang gewonnen.

Welche künstlerische Intention sich daraus ableiten lässt, sei nun zum einen Aufgabe der Forschung, zum anderen aber auch eine Frage der Praxis. Es bedürfe eines konkreten Hörerlebnisses, um weiterführende Aussagen zu tätigen. Die Bremer Philharmoniker dürften schon mal ihre Instrumente auspacken.

Gefunden wurden die einzelnen Stimmen allesamt im Archiv der Philharmonischen Gesellschaft – dort allerdings an unterschiedlichen Orten. Die Chorstimmen beispielsweise seien im Uraufführungsmaterial des Deutschen Requiems eingebunden gewesen, berichtet Bock. Es habe Zeit und Nerven in Anspruch genommen, bis endlich das gesamte Material vorlag. Und noch mehr Aufwand habe es bedeutet, dieses Material zu einer Partitur zusammenzufügen.

Ob es in diesem Notentext tatsächlich keine Lücken gibt, bleibt freilich eine Frage des Glaubens. „Wir können nicht mit Sicherheit sagen, dass uns die vollständige Rekonstruktion geglückt ist“, räumt Bock deshalb ein. Nicht ausgeschlossen also, dass doch noch irgendwo im Archiv ein unentdeckter Einsatz für Triangel schlummert. Danach zu suchen mag Bock aber niemandem empfehlen: „Wir halten einen weiteren Fund für sehr unwahrscheinlich.“

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