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„Beyond Homogeneity“ im Syker Vorwerk

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Von: Mareike Bannasch

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Ein Standbild aus einem Film zeigt drei Frauen
Die Sicht der Menschen in den Kolonien zeigen die Arbeiten von Mónica de Miranda. ©  Mónica de miranda

Das Syker Vorwerk blickt in seiner neuen Ausstellung hinter die Homogenität

Syke – Sie sind die letzten Zeugen einer längst vergessenen Zeit. Majestätische Bauten, in denen die Besetzer einst ein und aus gingen. Schaltzentralen des Kolonialismus, die heute langsam aber sicher verschwinden – verdrängt von Palmen, Farnen und Schlingpflanzen. Doch auch wenn die sichtbaren Verweise auf Jahrhunderte voller Unterdrückung bald nicht mehr da sein werden: Die Spuren der portugiesischen Kolonialherrschaft auf São Tomé und Principe verblassen nicht. Die Kolonialisten verließen 1975 den Inselstaat, doch die Gesellschaft hadert bis heute mit dem, was nach dem Aufbruch übrig gelassen wurde.

Mónica de Miranda ist nur eine von zehn Künstlerinnen und Künstlern, die in der neuen Ausstellung im Syker Vorwerk zu sehen sind. Unter dem Titel „Beyond Homogeneity“ hat Kurator Alejandro Perdomo Daniels Positionen der Gegenwartskunst versammelt, die auf die Beziehung von kultureller Vielfalt, Identität und Herkunft blicken. Dabei geht es den Künstlern, die alle in unterschiedlichen Kulturen zu Hause sind, auch darum, alte Vorstellungen, Bilder und Machtstrukturen zu überwinden.

Gewalt der Kolonialisten

Ein Anliegen, das oftmals nicht ohne eine Auseinandersetzung mit dem kolonialen Erbe auskommt – sowohl aus der Täter- als auch der Opfersicht. Bei de Miranda ist es nun vor allem die Sicht der Menschen, die unter den Kolonialherren beziehungsweise den Sozialisten, die nach ihnen kamen, leben mussten. Die Werkgruppe „All that burns melts into air“, die aus mehreren Fotografien und einem Video besteht, ist dabei nicht nur eine Auseinandersetzung, mit dem, was gescheiterte Utopien übrig lassen, sondern wirft auch einen Blick auf die Möglichkeiten, die aus diesem Scheitern erwachsen können.

Eine Auseinandersetzung mit der Gewalt, die der europäische Kolonialismus in die Welt setzte, findet sich derweil in der Installation von Andrew Gilbert. Zentraler Bestandteil der Arbeit sind mehrere Malereien, die sich nicht nur den Gräueltaten allen voran der britischen Eroberer widmen, sondern auch den Bogen zur heutigen Politik spannen. So zum Beispiel in „The War on Terror has been a great success!“, das sich sowohl auf die britische Invasion in Afghanistan 1842 als auch auf den Rückzug der USA im vergangenen Jahr bezieht. Eine überhastete Entscheidung, die uns sicher noch viele Jahre beschäftigen wird – und die Gilbert durchaus bissig kommentiert.

Zwei Puppen tragen die Uniformen der Kolonialmächte
Ein Blick auf die Installationen von Andrew Gilbert. © Foto: Tobias Hübel

Überhaupt geht der gebürtige Schotte mit dem kolonialen Erbe des Vereinigten Königreiches hart ins Gericht, nicht nur in den Bildern und auf der Tapete des Raums im Vorwerk, sondern auch in zwei frei stehenden Skulpturen. Beide sind in die Uniformen der Eroberer gekleidet und mit allerlei Krimskrams dekoriert. Verweise auf all jene Dinge, die aus den Kolonien zu uns kamen und die wir bis heute jeden Tag konsumieren – ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, wie viel Blut für diese Luxusgüter vergossen wurde und immer noch wird. Denn dass auf den Kaffee- und Teeplantagen bis heute Ausbeutung und auch Kinderarbeit nicht selten sind, ist kein Geheimnis. Egal ist es uns trotzdem.

Genauso wie die Tatsache, dass es oft vor allem Migranten und ihre Nachfahren sind, die in prekären Verhältnissen leben. Gilbert trägt diesem Umstand mit einer Fahne Rechnung, die eine der Puppen über der Schulter trägt. Auf den Stoff ist der Grenfell Tower gedruckt, jenes Gebäude, das im Jahr 2017 in London in Flammen aufging. 72 Menschen kamen dabei ums Leben – die meisten von ihnen hatten einen Migrationshintergrund.

Angriffslustige Nussknacker

Die Perspektive eines Migranten darf in einer Ausstellung, die bestehende Machtstrukturen und Kulturbegriffe hinterfragt, natürlich nicht fehlen. In Syke liefert sie unter anderem Manaf Halbouni. Der aus Syrien nach Dresden geflüchtete Künstler ist auch mit der Serie „Nussknacker“ vertreten, die – der Name lässt es bereits vermuten – eine Reihe dieser hölzernen Gesellen zeigt. Ein Verweis auf lieb gewonnene deutsche Traditionen, die hier aber durchaus angriffslustig daher kommen. Halbouni hat die Männchen nämlich mit Beton umschlossen und mit Stacheldraht abgeschirmt – was dem Ganzen bedrohlichen Charakter verleiht. Diese Symbole deutscher Gediegenheiten scheinen auf dem Kriegspfad zu sein. Gegen all jene, die nicht mit dem vorweihnachtlichen Aufstellen dieser Figuren aufgewachsen sind? Vielleicht. Der Stacheldraht könnte aber auch ein überdeutlicher Hinweis darauf sein, dass manche Deutschen fast schon panische Angst um ihre Traditionen und Gebräuche haben – und sie daher mit aller Macht gegen die Fremden und ihre Einflüsse verteidigen.

Die Einladung, bestehende Machtverhältnisse zu hinterfragen, findet sich an allen Ecken in dieser sehenswerten Schau. Und auch wenn dies nicht immer mit neuen Erkenntnissen einhergeht, lohnt sich ein Besuch dennoch. Schon, um sich noch einmal vor Augen zu führen, wie gut es uns, die am oberen Ende des Machtgefüges leben, eigentlich geht.

Sehen

Die Ausstellung läuft bis zum 8. Mai.

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